Titelbild für Artikel Wie ein gutes Buch.
TEXT: Stefanie Bisping · FOTOS: Michele Limina

Wie ein gutes Buch.

Botschafter, Bibliothek und Brauereicharme: das B2 in Zürich.

Wo einst die größte Brauerei der Schweiz ihr Bier herstellte, befindet sich heute das B2 Boutique Hotel & Spa. Größter Trumpf neben der außergewöhnlichen Location ist der hoch personalisierte Service der »Guest Ambassadors«.

Das Taxi hält, der Gast will aussteigen. Schon öffnet ein freundlich lächelnder Mensch den Wagenschlag und begrüßt ihn. Es ist nicht der Portier, sondern ein »Guest Ambassador« des Hotels B2, der den Neuankömmling von der Lobby aus gesehen hat. Ein zweiter »Guest Ambassador« erscheint, nimmt das Gepäck und bringt es zum Zimmer. Die Begrüßung vor dem Haus – bei Regen mit Schirm –, das Einchecken und die Begleitung des Gasts aufs Zimmer funktionieren so reibungslos wie ein Schweizer Uhrwerk.

Selbst in Zürich ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis eines ausgeklügelten Servicekonzepts. »Wir wollen dem Gast ein sehr persönliches Hotelerlebnis bieten, hohe Ansprüche erfüllen und jedem herzlich und auf Augenhöhe begegnen«, erklärt GM Nina Schröder. Das gehe nur, wenn jeder seine Augen überall hat. Klar definierte Tätigkeitsbereiche sind für die 35 Mitarbeiter des Hauses mit sechzig Zimmern und Suiten deshalb eher als Anregung denn als Begrenzung zu verstehen: »Bei uns macht jeder alles.«

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Nina Schröder: »Wir fragen nach Namen statt Zimmernummern«

Daher tragen alle den Titel eines »Guest Ambassadors«, auch die Chefin des Hauses. Das bedeutet nichts weniger, als dass jeder Mitarbeiter für den Gast gleichermaßen Ansprechpartner ist. Die Kernkompetenzen der – gleich gekleideten – »Guest Ambassadors« sind für den Gast nicht ersichtlich. Er kann jeden Mitarbeiter um eine Tasse Kaffee bitten, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob er es auch wirklich mit einem Kellner zu tun hat. Auch auf der anderen Seite sind alle gleich, VIPs gibt es nicht. Nina Schröder: »Für uns ist jeder Gast besonders wichtig.«

Ständige Aufmerksamkeit, intensiver Dialog mit dem Gast

Dieses Credo sicht- und fühlbar zu machen bedarf beständiger Aufmerksamkeit. Zehn Minuten nach der Ankunft klingelt beim Gast das Telefon. Es ist die Rezeption: »Gefällt Ihnen Ihr Zimmer?« Hat es nicht die Aussicht, die der Gast sich wünscht, oder ist es ihm zu klein, bekommt er ein anderes. »Wir finden für jeden das richtige Zimmer«, erklärt Schröder. Gelingt das nicht bereits vor der Anreise, dann eben an Ort und Stelle. »Wir fragen aber schon vor der Ankunft nach besonderen Wünschen und notieren während des Aufenthalts die Präferenzen des Gasts. Beim nächsten Aufenthalt werden sie dann berücksichtigt.«

Der konstante Austausch mit den Gästen gehört daher zu den wichtigsten Aufgaben der »Guest Ambassadors«. Nina Schröder: »Wir sprechen viel mit unseren Gästen, um Feedback zu bekommen, und befassen uns sehr intensiv mit Bewertungsportalen. Dieser intensive Dialog mit dem Gast macht uns aus.«

Das geht nur mit einem Team, in dem jeder offen und kommunikativ ist. »Oberste Priorität bei der Auswahl unserer Mitarbeiter ist die Freude an der Arbeit. Fachliches kann man lernen.« Dafür sorgen nicht zuletzt viele interne Schulungen.

Wir befassen uns sehr intensiv mit Bewertungsportalen.

Jeder Wunsch – ein Getränk, ein Magazin, das Buch, in dem er sich neulich in der Wine Library festgelesen hatte – soll sich erfüllen, noch bevor der Gast ihn verspürt. Und das ohne fünften Stern und Butlerservice. Auch Kleinigkeiten spielen eine Rolle. So wird der Gast beim Frühstück nicht nach seiner Zimmernummer gefragt, sondern nach seinem Namen. »Einfach, weil die Gäste bei uns keine Nummern sind, sondern Menschen.« Die 38-jährige Schröder aus Celle leitet das Haus seit eineinhalb Jahren. Zuvor war sie im Sheraton Belgravia in London, im Jumeirah Beach Hotel in Dubai und zuletzt im Luzerner Grand Hotel National tätig.

Zielgruppe: Businessnomaden, Stadtreisende und Wellnessfans

Hinter dem Konzept eines hoch personalisierten Services steht indessen die Turicom Hotel Management AG, die Hotels in Zürich und Bern betreibt. Martin Emch, selbst lange Jahre Hotelier und heute CEO der Firma, und sein Team haben mit dem B2 ihre Vision eines urbanen Lifestylehotels verwirklicht, das mit außergewöhnlichem Standort und unkomplizierter Gastfreundschaft Businessnomaden, kulturaffine Stadtreisende und ­Wellnessfans gleichermaßen ansprechen will. Das »B« im Namen steht dabei nicht nur für Boutiquehotel, sondern auch für »Bookmark«: Das Haus will in Erinnerung bleiben wie ein gutes Buch, in dem stets ein Lesezeichen steckt.

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    Einheitslook? Gilt nur für die Kleidung

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    Hohe Ansprüche: Möglichkeit zum Zimmertausch

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    Bewegte Geschichte: Früher Maschinenhalle, heute Eventlocation

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    Flasche am Öffner: Erinnerung an die Vergangenheit

Das B2 Hotel & Spa in Zahlen

GM: seit 2015 Nina Schröder

Eröffnung: März 2012

Standort: Brandschenkestraße 152, 8002 Zürich. Das Haus liegt im Hürlimann-Areal neben dem größten Google-Standort in Europa. Sieben Gehminuten vom Bahnhof Enge, 20 Autominuten oder 16 S-Bahn-­Minuten vom Flughafen.

Kategorie: vier Sterne

Besonderheiten: Zeitgenössisches Design in einer ehemaligen Brauerei. Die Wine Library mit 33.000 Büchern ist das Herz des Hauses. Direkter Zugang zum Rooftop-Pool und den übrigen Einrichtungen des Thermalbads & Spas Zürich, das Hotelgäste zum halben Preis nutzen.

Mitarbeiter: 35

Zimmer: 51 Zimmer und 9 Suiten

Ausstattung: Einrichtung mit geöltem Eichenparkett, textilen Wandbespannungen und Designersesseln und -lampen. Mobiler Arbeitsplatz, Nespresso-Kaffeemaschine, Minibar, Gratis-WLAN, Klimaanlage, offenes Bad mit Regenwalddusche, im Zimmerpreis enthaltenes Frühstück. Alle Zimmer sind per Rollstuhl zugänglich.
Für Veranstaltungen gibt es die Räume »Bookmark 1« für bis zu 14 Personen, »Bookmark 2« für bis zu 18 Personen und die denkmalgeschützte Maschinenhalle, in der bis zu 100 Personen Platz finden.

Zimmerpreise: 310 bis 770 Franken (288–716 Euro)

Auslastung: 80 Prozent

Gäste: 70 Prozent Geschäftsreisende, 30 Prozent Privatreisende

Ziel für 2017: GM Nina Schröder: »Wir wollen uns noch stärker als Bleisure-Hotel positionieren, als Hotel für Business- wie für Leisure-Reisende. Geschäftsreisende wollen wir ermutigen, am Wochenende privat mit Partner zurückzukehren.«

Herzstück des Hauses: Die Wine Library

Schon Location und Architektur machen es schwer, dieses Hotel zu vergessen. Das B2 befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäude, einst Sitz der 1867 begründeten größten Brauerei der Schweiz, im nach ihr benannten Hürlimann-Areal. 1996 wurde hier das letzte Bier gebraut, zwölf Jahre später begannen die Umbauten für das Hotel, und das ebenfalls hier ansässige Thermalbad & Spa. 2011 eröffnete auf dem Dach und im Lagergewölbe das Thermalbad, ein Jahr später folgte das B2 Boutique Hotel & Spa. Zu den Nachbarn zählen der größte Forschungs- und Entwicklungsstandort Googles außerhalb der USA, aber auch kleine Geschäfte, Weinbars und Yoga­studios. So weht heute ein kräftiger Hauch von Palo Alto durchs ehrwürdige Hürlimann-Areal.

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Alte Schale, neuer Kern: Lichtblick für Meetings

Herzstück des Hotels ist die Wine ­Library im ehemaligen Sudhaus der Brauerei. Ihre 33.000 nach Kategorien geordneten Bücher in meterhohen Regalen geben den Gästen zahlreiche Gründe, hier nicht nur zum Frühstück Platz zu nehmen. »Die Gäste arbeiten hier, entspannen mit einem Buch, manche bauen ein Schachbrett auf«, erzählt Nina Schröder. Auch Züricher sind hier willkommen, doch wird bewusst keine Werbung am Ort gemacht. »Der Fokus liegt klar auf den Hotelgästen.« Auch Speisen werden hier serviert. »Die Wine Library ist kein klassisches Restaurant, aber die Gäste können jederzeit kleine Gerichte bestellen.«

An feste Zeiten sind sie dabei nicht gebunden: Wer nachmittags mehr Appetit auf einen Burger als auf ein Stück Kuchen hat, bekommt ihn. Und auch Weingenuss ist in der Weinbibliothek nicht verpflichtend. An die Vergangenheit als Sudhaus erinnert außer den beiden aus jeweils 300 Bierflaschen gestalteten Kronleuchtern auch das Hürlimann Sternbräu auf der Getränkekarte. Die Geschichte des Baus ist sichtbar geblieben: Für Fässer bestimmtes Eichenholz schmückt heute die Zimmer, die zweistöckigen Suiten im einstigen Kühlschiff der Brauerei verbinden Industriecharme mit Komfort, die 170 Quadratmeter große ehemalige Maschinenhalle ist Schauplatz von Konzerten, Vernissagen und Business­events.

Die Lage: Wie der Schinken im Sandwich

Künftig will Nina Schröder zunehmend auch Privatreisende ansprechen – und mehr der bislang die Gästestruktur dominierenden Geschäftsleute zur Rückkehr mit Partner oder Familie verlocken. »Vor allem unsere Nachbarschaft zum Thermalbad & Spa Zürich prädestiniert uns auch für Privataufenthalte.« Denn das Hotel liegt wie der Schinken im Sandwich zwischen dem spektakulären Rooftop-Pool nebst irisch-römischem Spabereich und den Behandlungsräumen. Zwar wird das Thermalbad extern geführt, doch es besteht eine enge Kooperation zwischen Hotel und Spa. So können die Gäste den Pool vom Zimmer aus im Bademantel erreichen und ihn ebenso wie die Wellnesseinrichtungen zum halben Preis nutzen. Es ist nicht der schlechteste Grund, nach dem Meeting noch einen Tag dranzuhängen.