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INTERVIEW Tinga Horny

„Wer nicht im Internet ist, den gibt es nicht“

Wie gut ist die Hotellerie in Sachen Digitalisierung? Während sich der Dehoga mit seiner Studie von IW Consult auf die Schulter klopft, stellt eine Telekom-Analyse dem Gastgewerbe nur ein mittelmäßiges Zeugnis aus. Für Roman Bertenrath von IW Consult ist das alles nur eine Frage des Blickwinkels. 

Herr Dr. Bertenrath, IW Consult hat für den Dehoga eine Studie über die Bedeutung des Gastgewerbes erstellt. Darin steht unter anderem, dass die Branche ein Vorreiter im digitalen Wandel ist. Meinen Sie das im Ernst?
Das müssen Sie differenzierter sehen. Für das gesamte Gastgewerbe haben wir einen Digital Index (DI) von 4,8 festgestellt. Im Vergleich zu anderen Branchen wie zum Beispiel Information und Kommunikation mit einem DI von 8,0 oder dem verarbeitenden Gewerbe mit einem DI von 6,6 liegt das Gastgewerbe insgesamt nur im Mittelfeld. Aber wenn Sie Gastronomie und Hotellerie getrennt betrachten, dann liegt die Bewirtungsbranche bei einem DI von 3,94, während die Beherbergungsbetriebe einen DI von 8,1 aufweisen. Das Beherbergungsgewerbe steht also recht gut da.

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Roman Bertenrath, IW Consult: Chancen statt Skepsis gegenüber dem digitalen Wandel

Die Deutsche Telekom betont in ihrer aktuellen Digitalisierungsstudie aber ausdrücklich, dass im Branchenvergleich das Gastgewerbe nicht zu den digitalen Vorreitern zählt. Wer hat denn nun recht? 
In puncto Gastronomie hat die Telekom recht. Aber auf die Hotellerie trifft das Urteil nicht zu. Sie müssen allerdings berücksichtigen, dass die Methoden der beiden Studien völlig unterschiedlich waren. Die Telekom hat 2000 Unternehmen befragt, was sie im Bereich Digitalisierung tun. IW Consult hat über 10.000 von außen beobachtbare Digitalisierungsmerkmale in die Analyse einfließen lassen. Wir haben also den aktuellen Istzustand der Branche von außen bewertet, die Telekom wollte auch wissen, wie die Prozesse innerhalb der Betriebe ablaufen. 

Zur Person

Roman Bertenrath, Dr. rer. pol., Rechtsanwalt und Diplom-Kaufmann, studierte Betriebswirtschaftslehre und Jura an der Universität zu Köln, wo er von 2006 bis 2008 bei Prof. Dr. Clemens Fuest (Ifo-Institut, München) promovierte. Seit 2010 ist er Leiter des Bereichs Strategie und Wachstum bei IW Consult, einer Tochtergesellschaft des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Seit August 2009 lehrt er zugleich Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule der Wirtschaft Nordrhein-Westfalen.

Wo liegt denn der Vorteil Ihrer Studie? 
Wir haben eine Vollerhebung gemacht und können die sogenannte Digital Appearance sehr gut beurteilen. Der Digital Index misst in acht Clustern nach Faktoren wie Technologie (Programmiersprachen, Server, Cloud), Mobile (Mobile Maturity, Apps, Mobile Devices), Social Media, Schnelligkeit des Zugriffs, Google Page Rank etc. das digitale Gesicht der Betriebe. So können wir auch die digitale Kluft zwischen Gastronomie und Hotellerie gut ausmachen. 

Heißt das, Sie wissen, wie viele Betriebe im Gastgewerbe keine eigene Website betreiben? 
Ja, 36 Prozent der Hotels haben keine Website. In der Gastronomie sind 65 Prozent der Betriebe nicht im Netz präsent. 

Wie erklärt sich dieser große Unterschied? 
In der Bundesrepublik gibt es rund 68.000 Restaurants, 4000 Eisdielen und 20.000 Imbissbuden mit teilweise sehr niedrigen DI-Werten. Dem gegenüber steht die Hotellerie, wo große Ketten mit vielen Häusern den DI positiv beeinflussen. Außerdem treiben Player wie Airbnb und die großen Buchungsportale das Hotelgewerbe vor sich her. Diese Art von Entwicklung ist gegenwärtig in anderen Wirtschaftszweigen ebenfalls zu beobachten. Der Handel wird zum Beispiel von Amazon oder Zalando unter Druck gesetzt. 

Viele kleine Betriebe könnten von der Digitalisierung profitieren.

Wir werden also immer abhängiger von Internetplattformen, die uns sagen, wie wir zu digitalisieren haben? 
Grundsätzlich stellt sich bei der Digitalisierung immer die Frage, inwieweit die Wirtschaft inzwischen auch an Plattformen hängt. Was Unternehmen wie Google oder Amazon einfach unglaublich gut können und auch verstanden haben, ist, sich den einzelnen Menschen anzusehen und zu fragen: »Was will der eigentlich?« Amazon und Co. sind daran gewöhnt, in großen Dimensionen zu denken, große Datenmengen zu verarbeiten und zugleich sehr nutzerfreundliche Geschäftsfelder aufzusetzen. Die Unternehmen im Silicon Valley, das muss man anerkennen, haben in den letzten zwanzig Jahren relativ wenig falsch gemacht und ihre großen Visionen gut umgesetzt. 

Wenn ich also nicht im Netz bin und meinen Betrieb nicht digitalisiere, habe ich schlechte Karten? 
Wer nicht im Netz ist, den gibt es nicht – zumindest nicht für jüngere Leute. Konsumenten ändern ihre Gewohnheiten mitunter sehr schnell, und darauf müssen Hotels eine Antwort haben. Die meisten von uns gehen erst einmal ins Internet, um zu sehen, welche Hotels es am Reiseziel gibt. Internet bedeutet Vernetzung, und das heißt zum einen für das Individuum: »Ich will etwas finden«, und zum anderen für das Unternehmen: »Ich will mich finden lassen.« Für Hotelbetreiber ist doch der wichtige Aspekt, dass sie sich im Netz mit einer mobilen Anwendung oder zumindest einer Website relativ schnell von der Konkurrenz abgrenzen, schnell gefunden werden und neues Geschäft generieren können. Das ist oft viel effizienter, als eine Annonce in einem regionalen Mitteilungsblättchen zu schalten. 

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Und was würden Sie noch digitalisieren? 
Alles, was im Back-Office läuft. Also Bestellvorgänge und Abrechnungssysteme. Die Technologie muss einfach und schlüssig sein. Ich muss sofort sehen können, ob mein Haus ausgelastet ist. Wenn alles ineinandergreift und miteinander verknüpft ist, wenn also die Datenarchitektur stimmig ist, dann steckt da enormes Effizienzpotenzial drin. 

Nun stehen aber viele Hotels nicht in einer gut vernetzten Stadt, sondern in der Provinz, schnelle Datenübertragung gibt es nicht. 
IW Consult hat mal ausgerechnet, dass sich das BIP um 0,04 Prozent erhöht, wenn die Anzahl der Glasfaseranschlüsse um ein Prozent steigt. Für Deutschland wäre das ein Zuwachs von 1,2 bis 1,3 Milliarden Euro bezogen auf 2014 beziehungsweise 2015. Investitionen in die digitale Infrastruktur lohnen sich folglich, weil wir uns in Richtung einer Gigabit-Gesellschaft entwickeln. 

Gigabit-Gesellschaft? 
1992 hatten wir weltweit ein Datenvolumen von 100 Gigabit pro Tag, 1997 waren es 100 Gigabit pro Stunde, 2016 hatten wir 26.600 Gigabit pro Sekunde, und Prognosen zufolge werden wir 2020/2021 105.800 Gigabit pro Sekunde erreichen. Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren etc. – riesige Datenmengen werden verarbeitet werden müssen. Dafür sind 50-Mbit-Netze bei Weitem nicht ausreichend. 

Entsprechend müssen auch die Bildungssysteme an die Anforderungen der digitalen Welt angepasst werden. Zudem wird hierzulande der digitale Wandel sehr kritisch beäugt. Eine kritische Grundhaltung ist sicherlich in vielen Dingen angebracht. Aber Vorbehalte dürfen nicht in Skeptizismus oder gar in Vorurteilen münden. 

Können denn angesichts des Wettbewerbs und der Kosten nur große Hotelketten die Digitalisierung stemmen und von ihr profitieren? 
Ganz und gar nicht. Bis dato gilt zwar: Je kleiner eine Herberge, desto geringer in der Regel der Digitalisierungsgrad – wir sprechen von einem strukturtypischen Größeneffekt. Aber der funktioniert auch umgekehrt. Da 36 Prozent der Beherbergungsbetriebe noch keine Website unterhalten, haben sie noch ein riesiges Effizienzpotenzial. Viele kleine Betriebe könnten also von der Digitalisierung profitieren und hierüber andere Nachteile wettmachen. 

Herr Dr. Bertenrath, wir danken Ihnen für das Gespräch.