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TEXT Jürgen Baltes

Warum die Blockchain kein Hype ist

Eine virtuelle Kette sorgt derzeit für Wirbel. Die Blockchain, technische Basis der Kryptowährung Bitcoin, schickt sich an, alle möglichen Abläufe zu verändern, ob bei Banken, Speditionen, Onlinehändlern oder Regierungen. Auch der Hotellerie bieten sich neue Chancen. HRS hat erste Anwendungen realisiert.

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Martin Biermann, HRS: Fehlervermeidung dank Blockchain-Technologie

Blockchain – fast jeder dürfte den Begriff mittlerweile gehört haben. Der US-Bundesstaat West Virginia hat seine Bürger kürzlich über eine Blockchain-App wählen lassen. Die Großbank HSBC hat erstmals eine Handelsfinanzierung mittels Blockchain abgeschlossen. Das polnische Kreditbüro speichert Informationen zu 25 Millionen Personen und Unternehmen in einer Blockchain. Und BMW plant, die Kilometerstände von Leasingfahrzeugen per Blockchain zu erfassen – um so Betrügereien praktisch unmöglich zu machen.

Denn die Blockchain hat aufgrund ihrer technischen Konstruktion zwei wunderbare Eigenschaften: Jede Speicherung in ihr geschieht praktisch unveränderbar und transparent. Dazu werden in einer Datenkette (chain) Datensätze (blocks) aneinandergehängt, und zwar immer und immer weiter. Die verschlüsselte Datenbank liegt auf Hunderten oder gar Tausenden verschiedener Computer. Diese prüfen jeden neuen Datensatz, bevor er angehängt wird. Man kann sich dies wie eine Versammlung vorstellen, bei der mehrere Teilnehmer mitschreiben und laufend die Aufschriebe der anderen gegenlesen. Nur wenn alle Texte identisch sind, werden die gefassten Beschlüsse gültig.

Anfangs wurden auf diese Weise lediglich die etwas in Verruf geratenen Bitcoins und andere Internetwährungen um die Welt geschickt. Ganz ohne Banken, da sich durch die eingebaute Sicherheit Partner weder kennen noch vertrauen müssen. Doch mittlerweile setzen immer mehr Unternehmen auf die Technik – völlig losgelöst von irgendwelchen Kryptowährungen. Schiffscontainer werden so um die Welt verfolgt, der US-Handelsriese Walmart identifiziert binnen Sekunden zurückgerufene Lebensmittel. Das Flugreservierungssytem Amadeus testet gerade das Aufspüren verloren gegangener Koffer in Echtzeit. Die Liste der Ideen ist lang: Geldtransfers, Patente, Grundbucheinträge oder Urheberrechte könnten mittels Blockchain einfach und effizient verwaltet werden. Die Verbreitung von Nachrichten, Bildern oder Videos etwa – Stichwort Fake News – könnte so exakt und in kürzester Zeit bis zur Quelle zurückverfolgt werden.

Blockchain bei Siemens und HRS

Dass die Blockchain auch in der Reisebranche und Hotellerie zum Thema werden wird, liegt auf der Hand. Siemens und der HRS Innovation Hub haben gerade ein erstes Projekt umgesetzt – ein eindeutiges Identifizierungssystem, basierend auf der Blockchain. Die »Corporate Hospitality Blockchain« dürfte eine der ersten der Branche sein. In der Datenkette werden die Buchung, der gebuchte Reisende und etliche weitere Daten untrennbar miteinander verknüpft. Das Hotel erhält einen schlichten E-Mail-Link, über den es diese Daten einsehen kann. Dort muss der Reisende seine Identität über eine nur ihm bekannte PIN bestätigen. Die Überprüfung von Ausweisen, Visitenkarten oder anderen Legitimationen entfällt.

Das Ganze läuft seit Juni in Peking und Shanghai – werde aber auch hierzulande mit ersten Hotels getestet, verrät Martin Biermann, Vice President Product bei der HRS Group. Denn durch die verifizierten und stets korrekten Daten aus der Blockchain wird nicht nur sichergestellt, dass Buchung und Rate mit den persönlichen Daten des Reisenden übereinstimmen. So können auch vorab Meldescheine ausgefüllt und immer wieder vorkommende Fehler auf Rechnungen, etwa falsche Namen, Adressen oder Firmierungen, vermieden werden.

Neue Vertriebswege über die Blockchain

In der sicheren Verwaltung persönlicher Daten sieht Biermann denn auch ein zentrales Einsatzgebiet der Blockchain – auch mit Blick auf die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). »Ein Hotel vertreibt typischerweise über zahlreiche Kanäle, über die eine Reihe persönlicher Daten und Zahlungsinformationen ausgetauscht werden«, sagt Biermann. Nachzuhalten – und wenn nötig nachzuweisen –, welche Daten wo gespeichert seien und wer darauf zugegriffen habe, sei kaum leistbar. HRS habe sich daher zum Ziel gesetzt, diese Daten in eine Blockchain zu bringen und so zum Beispiel Firmenkunden deren Verwendung, aber auch spätere Löschung garantieren zu können.

Attraktiv scheint auch die Möglichkeit, über die Blockchain Verträge zu schließen, sogenannte »Smart Contracts«, die sich selbst erfüllen, je nachdem, wie sich zuvor vereinbarte Parameter entwickelt haben. In den Verhandlungen zwischen Hotels und Firmen etwa gehe man zunehmend zum Continuous Sourcing über, sagt Biermann. Es wird beispielsweise quartalsweise eruiert, ob verhandelte Raten auch ausreichend verfügbar waren oder das versprochene Volumen erreicht wurde. »Wenn wir persönliche Daten, Raten und Buchungen in der Blockchain haben, könnten wir auch diesen teilweise aufwendigen Prozess damit automatisieren«, so Biermanns Idee. Er sieht HRS damit als Initiator für ein »unabhängiges System in der Mitte, das beiden Seiten die Arbeit erleichtert«.

Doch von der Blockchain ist Weiteres zu erwarten, etwa sichere und kostengünstige Bezahlsysteme, völlig unabhängig von Bitcoin und Co. Oder neue Vertriebswege. Der Reisekonzern TUI etwa will über die Blockchain seine gesamten Bettenkontingente steuern. Und das Hobo Hotel in Stockholm bringt gerade das eigene Angebot auf eine Blockchain, sodass Drittanbieter darauf automatisiert zugreifen und zum Beispiel Reisepakete schnüren können. Weitere Ideen dürften folgen.