Titelbild für Artikel Summe aller Teile.
TEXT: Harald Weiß · FOTOS: Jan Lieske

Summe aller Teile.

Überdurchschnittliche Belegung? Geht! Mit zwei verschiedenen Hotels.

2012 wurde es im Tagungshotel von Erich Alexander Hinz einfach zu eng. Mehr Räume mussten her! Doch statt an baute Hinz komplett neu: ein kleines Urlaubshotel für Radler und Strandgänger nur hundert Meter entfernt. Mit Erfolg: Seine Gäste lieben es, die Wahl zu haben – gerade wegen der unterschiedlichen Positionierung beider Häuser.

Das »Kurhaus am Inselsee« hat eine wechselhafte Geschichte. Erst im Juli 1914 feierte das Originalhaus vor den Stadttoren Güstrows in Mecklenburg-Vorpommern seine feierliche Eröffnung, doch nur einen Monat später begann der Erste Weltkrieg. In den folgenden Jahrzehnten war das »Kurhaus« dann mal Ausflugsgaststätte, mal Lazarett, mal Wohnheim – und nach der Wende nur noch Ruine. Bis 1995: In diesem Jahr erwarb Erich Alexander Hinz die Liegenschaft, um sie anschließend in ein luxuriöses Vier-Sterne-superior-Hotel zu verwandeln.

Dass Hinz damals den Konkursverwalter und die Gläubigerbanken mit seinem Konzept überzeugen konnte, lag nicht zuletzt daran, dass er deren Sprache sprach. Hinz ist gelernter Bankkaufmann und war zu der Zeit Angestellter der Hamburger Sparkasse. Als er sich zum Wechsel in die Hotelbranche entschloss, hatte er daher nicht etwa Luftschlösser im Kopf, sondern solide Wirtschaftsfakten. »Diese Region ist ja nicht besonders strukturstark, da muss man mit großen Investitionen äußerst vorsichtig sein und viel Augenmaß behalten«, sagt der Kaufmann über sein Businesskonzept, das sich wie ein roter Faden durch die 21 Jahre seit Bestehen seines »Kurhauses« zieht.

So startete er mit nur 24 Zimmern und einem kleinen Restaurant. Doch nach und nach wuchs das Haus auf 48 Zimmer, das Restaurant auf neunzig Plätze. Auch die vielen anderen Einrichtungen wie Raucherlounge, Spa und Pool fügte Hinz mit wirtschaftlichem Augenmaß hinzu.

Angesichts seiner landschaftlich schönen Lage am Inselsee entwickelte sich das Haus rasch zum Hotspot für Urlauber im hochwertigen Vier-Sterne-Segment. Daneben entdeckten bald auch Tagungsplaner das »Kurhaus«, das seine öffentlichen Räume bis dato vornehmlich für Familienfeiern und Festlichkeiten genutzt hatte. Kaum zum Tagungshaus ausgebaut, fanden auch Geschäftsreisende in der Region Gefallen an dem hundert Jahre alten Domizil. Mit rund sechzig Prozent stellt diese Gästegruppe inzwischen das größte Kontingent aller Übernachtungen

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    Perfekte Lage: Vier-Sterne-Unikat im Großraum Güstrow

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    Auf zu neuen Ufern: Tagen, wo andere Urlaub machen

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    Was darf’s heute sein? Crossmarketing zweier Restaurants

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    All-inclusive-Schuppen: Strom für E-Bikes

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    Jungzellenkur: Neubau lockt Familien

Neues Konzept statt reiner Kapazitätserweiterung

2012 stießen Hinz und sein Team dann plötzlich an ihre Grenzen. Genauer: Sie mussten über eine deutliche Kapazitätserweiterung nachdenken. »Wir bekamen immer mehr Eventanfragen, die wir mangels Kapazität ablehnen mussten«, erklärt der Manager. »Das war nicht nur bitter für uns, sondern auch für unsere Kunden, denn wir sind das einzige Vier-Sterne-superior-Haus im Großraum Güstrow. Das heißt, der Veranstalter musste entweder eine Stufe tiefer gehen oder ein weit entferntes Haus wählen.«

Statt aber wieder nur ein paar Zimmer hinzuzufügen und das Restaurant zu erweitern, entschied sich Hinz dafür, ein komplett neues Haus mit einem vollständig anderen Konzept zu errichten, um neue und zusätzliche Zielgruppen ansprechen zu können. Gesagt, getan: 2013 ging das deutlich preiswertere »Strandhaus am Inselsee« mit drei Sternen, 25 Zimmern und eigenem Restaurant an den Start, nur vierzig Meter vom Strand und hundert Meter vom Haupthaus entfernt.

Wegen seiner Lage adressiert das neue »Strandhaus« vor allem Urlauber – womit es aber auch wesentlich saisonabhängiger ist als das »Kurhaus«. In der Summe beider Häuser ist der Effekt jedoch nicht dramatisch. Übers Jahr ist die Gesamtauslastung beider Häuser deutlich besser als bei den meisten Hotels an der Ostseeküste, in denen im Winter praktisch nichts los ist.

Im Sommer verdienen wir gut und im Winter machen wir keine Verluste.

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Erich Alexander Hinz: Ex-Banker mit Jagdinstinkt

»Kurhaus« und »Strandhaus«
am Inselsee in Zahlen

Eröffnung: Original 1913, nach Umbau 1995, generalrenoviert 2002

Inhaber und GM: Erich Alexander Hinz

Standort: Heidberg 1, 18273 Güstrow, Mecklenburg-Vorpommern

Entfernungen: Schwerin 65 Kilometer, Rostock 45 Kilometer

Kategorie: »Kurhaus« vier Sterne superior, »Strandhaus« drei Sterne

Lage: direkt am Inselsee und an zwei bedeutenden Radwanderwegen

Besonderheiten: Mit beiden Häusern zusammen werden Business-, Veranstaltungs-, Freizeit- und lokale Gäste gleichermaßen angesprochen.

Mitarbeiter: 85

Zimmer: Kurhaus 48, davon sechs Suiten/Apartments; Strandhaus 25

Ausstattung/Services: Zimmerservice, Reinigung, Wäscheservice, kostenloses Highspeed-WLAN in der gesamten Anlage inklusive Strand, Pool im »Kurhaus« auf dem Dach, Solarium, Sauna, Infrarot-Tiefenwärmekabine, Dampfbad, zwei Restaurants, Pianobar im »Kurhaus«, Shuttlebus, Leihräder, Kanus, Kuttertour gegen Gebühr

Tagungsräume: »Kurhaus« fünf flexible Räume, maximal 150 und 230 Quadratmeter, 180 Personen; 150 Quadratmeter/100 Personen; 230 Quadratmeter/190 Personen

Zimmerpreise: »Kurhaus« 105–215 Euro; »Strandhaus« 73–108 Euro

Bankett-/Tagungsumsatz: eine Million Euro pro Jahr

In Vorbereitung: E-Tankstelle

»Im Sommer verdienen wir gut und im Winter machen wir keine Verluste«, sagt Hinz über die wirtschaftlichen Auswirkungen seines neuen zusätzlichen Urlaubsgeschäftes. Zu seinen neuen Gästen gehören vor allem junge Familien, die die vielen Sport- und Spieleeinrichtungen wie das Strandvolleyballfeld oder die Strandkörbe nutzen. Einen Teil des dazugehörigen Seeufers hat Hinz mit echtem Ostsee-Strandsand »meeresgerecht« ausgestattet.

Neben jungen Familien hat Hinz aber noch eine ganz spezielle Freizeitgruppe im Visier: Radtouristen. Diese kamen zwar schon immer, denn das »Kurhaus« liegt an der Kreuzung der bedeutenden Fernradwanderwege Berlin–Kopenhagen und Rügen–Hamburg, doch für viele Radler schien das »Kurhaus« eine Nummer zu hoch: Nur wenige nutzten die Terrasse für eine erholsame Pause. Doch mit dem Konzept des »Strandhauses« spricht Hinz diese Gruppe jetzt ganz gezielt an.

Komplementär statt konkurrierend

Wobei »Radtouristen« nicht ganz passt. Denn die Radler, die zu Hinz kommen, sind alles andere als preisbewusste Familienradler. »Unsere Radtouristen sind keine Rucksackbiker, die mit Isomatte auf dem Gepäckträger von Imbissbude zu Imbissbude unterwegs sind. Wir haben hier Freizeitradler, die mit hochwertigen Fahrrädern und E-Bikes auf Tour sind. Bürgermeister, Manager, Professoren und hochrangige Beamte, die nach ihrer Radrunde auch einen beachtlichen Umsatz im Restaurant oder im Wellnessbereich tätigen«, weiß Hinz. Um diese auch in puncto »Rad-Hardware« nicht zu enttäuschen, hat Hinz spezielle Einrichtungen geschaffen, wie etwa den großen Abstellschuppen für fünfzig Räder, in dem E-Bikes auch aufgeladen werden können.

Die Gefahr, dass das neue »Strandhaus« das Konzept des »Kurhauses« verwässern könnte, sieht der einstige Banker nicht – ganz im Gegenteil: »Das ›Strandhaus‹ ist eine optimale Ergänzung des ›Kurhauses‹; eine hervorragende komplementäre Einrichtung, von der auch das ›Kurhaus‹ profitiert.« Beispiele gefällig? Alle Gäste können – egal, wo sie wohnen – sämtliche Einrichtungen in beiden Häusern in Anspruch nehmen, inklusive Check-in und Check-out.

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Keimzelle »Kurhaus«: Wachstum aus Platzmangel

Wer an einer Tagung im »Kurhaus« teilnimmt, kann also auch im »Strandhaus« wohnen und trotzdem Pool und Wellnesseinrichtungen des Haupthauses benutzen. Andersherum kann auch ein Gast vom »Kurhaus« statt der hochwertigen Küche des Hauptrestaurants das Strandrestaurant aufsuchen, wo es eine Terrasse mit Seeblick gibt und eine leichte mediterrane Küche serviert wird. »Selbst die feinste Küche eines anspruchsvollen Restaurants wird nach ein paar Tagen langweilig. Statt dann abends mit dem Auto nach Güstrow zu fahren, können die Kurhausgäste mit ein paar Schritten ins ›Strandhaus‹ gehen und statt Spargel oder Wild mal einfache Spaghetti oder eine Pizza essen. Dazu kann man dann auch Wein trinken – denn keiner muss anschließend mit dem Auto ins Hotel zurückfahren«, plaudert Hinz über einen weiteren Kombieffekt.

Dass Hinz es mit seinem »Strandhaus« geschafft hat, ein völlig eigenständiges Konzept in Ergänzung zu seinem »Kurhaus« zu schaffen, zeigt sich auch an der Reaktion seiner Stammklientel. »Wir haben inzwischen Stammgäste, die vom ›Kurhaus‹ ins ›Strandhaus‹ gewechselt sind – und zwar nicht aus preislichen Gründen, sondern weil ihnen das dortige Flair und die Strandlage mehr zusagen«, sagt Hinz. Und er kann noch über einen weiteren Synergie­effekt berichten. So gebe es auch einen Marketing­effekt »von unten nach oben«. Das heißt, mancher Gast, der per Rad im »Strandhaus« absteigt, wird durch die Nutzung der Vier-­Sterne-Einrichtungen im Haupthaus dazu animiert, beim nächsten Mal das Komplett­angebot des »Kurhauses« zu buchen. Crossmarketing heißt das und ist für das duale Erfolgskonzept des »Kur- und Strandhauses« ein wichtiger Faktor geworden.

Zusammenfassend lässt sich Hinz’ Konzept mit einem geflügelten Wort charakterisieren: »Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.« Und so redet Hinz lieber über beide Inselhäuser als Einheit als über die einzelnen Hotels. »Es ist alles nur ein Unternehmen, nur eine Steuernummer und auch kalkulatorisch interessiert mich zunächst der Gesamtstatus beider Häuser.«