Titelbild für Artikel Schlafen.  Schaffen.  Spielen.
Text: Jacqueline Brunsch · Fotos: Lucas Wahl

Schlafen. Schaffen. Spielen.

Aufstieg eines Underdogs.

Jahrelang hat das einstige Hotel Kröger im Tiefschlaf dahingesiecht. Bis Ex-Steigenberger-Frau Wiebke Ortmann und ihr Geschäftspartner das 37-Zimmer-Haus im tiefsten Hamburger Osten übernommen und auf »Reizüberflutung« getrimmt haben.

Zugegeben, von außen fällt das Eckhaus an der Ahrensburger Straße 107 im Osten Hamburgs nicht wirklich auf. Mit seinen rotbräunlichen Klinkersteinen wirkt es vielmehr so, als hätte es sich dem Straßenbild des konservativen Wandsbek angepasst. Was viele Passanten und Erstbesucher des neuen Kröger by Underdog Hotels nicht ahnen: Der Schein trügt. Mehr noch: Sie werden ganz gezielt an der Nase herumgeführt. Denn das Privathotel spielt getreu seinem Namen mit dem Außenseiterimage.

Weg vom Mainstream

»Ich habe vor allem anfangs immer wieder Geschäftsreisende beobachtet, die skeptisch auf das Gebäude geblickt und sich wohl gefragt haben: ›Was hat meine Sekretärin da gebucht?‹«, sagt Wiebke Ortmann, Gesellschafterin vom Kröger by Underdog Hotels. Sie kann es gelassen sehen. Denn spätestens beim Betreten der loftartigen Lobby realisieren ihre Gäste, dass sie mit dem Anfang 2014 neu eröffneten Schmuckstück einen Glücksgriff gemacht haben. Bereits im Erdgeschoss erwartet sie eine Mischung aus Design- und Lebensfreude: Zwischen hohen Decken, roten Metallrohren und kernigen Stahlbetonsäulen hängen Skateboard-Decks und Ratsherrenkisten, in denen sich Spielklassiker stapeln.

Bei kurzer Orientierungslosigkeit weist eine Laufbahn den Weg durch die 400 Quadratmeter große Lobby. Ziel ist die Bar. Der stylishe, holzverkleidete Tresen bildet das Herzstück des Hotelgebäudes, rundherum pulsiert das Leben. Die Lobby im Underdog ist eben mehr als eine Ruhezone. »Sie ist Rezeption, Spielbereich, Büro und Lounge in einem.« Heißt: Wer daddeln möchte, greift zur Spielkonsole oder powert sich am Tischkicker aus. Wer arbeiten muss, kann die großen Tische als mobiles Büro nutzen oder mit Kollegen den Konferenzraum nebenan buchen. »Und wer einfach eine Pause braucht, stärkt sich mit einem Getränk oder Snack«, so Hotelchefin Ortmann

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    Voll auf die Zwölf: Punktlandung für einen Underdog

Für die 37-Jährige sind der Mix aus verschiedenen Stilen und Funktionen sowie die damit einhergehende Reizüberflutung durchaus gewollt. »Polarisieren macht uns Spaß, wir wollen weg vom Mainstream-Charakter und lieber etwas kerniger sein«, beschreibt sie das gemeinsam mit ihrem Mitpächter Nils Jacobsen entwickelte Konzept. Was rebellisch klingen mag, ist vor allem Mittel zum Zweck. Denn anders als bei ähnlichen Konzepten – der Superbude auf St. Pauli etwa – ist der Erfolg des rund eine halbe Stunde abseits der Hamburger City gelegenen Hauses mit dieser Kernigkeit eng verwoben. Oder andersherum: »Wir glauben, dass dieser Standort ein etwas anderes Hotel gebraucht hat«, betont Ortmann. Und um zwischen Fünfzigerjahrebauten und eher schlichten Mitbewerbern hervorzustechen, sei eben ein gewisser Kontrast nötig.

Und so stapelt man im Krögers lieber tief, um mit geballter Kreativität, Design und drei präsenten Leitgedanken zu überzeugen: »Sleep, Work, Play«. »Diese Begriffe haben für uns ­Priorität«, ergänzt Ortmann. Dass es einigen Gästen bei der Umsetzung jener Schlagworte zu quirlig zugehen könnte, wischt die Gesellschafterin weg: »Tagsüber ist es in der Lobby meist sehr ruhig, und wer abends wirklich seine Ruhe haben möchte, der geht eben aufs Zimmer.« Allerdings würden viele Besucher das Hotel gerade wegen seiner lebhaften Atmosphäre buchen.

Vergangenes sportlich nehmen

Diese Dynamik spiegelt ohnehin das Credo der im Steigenberger Hotel Hamburg ausgebildeten Hotelfachfrau und ihres Geschäftspartners Jacobsen wider: Sie haben sich auf die Fahne geschrieben, diesem verschlafenen Haus in Wandsbek neues Leben einzuhauchen. Mit Erfolg: Nach einer gründlichen Kernsanierung charakterisiert Ortmann ihre Auslastung als »vielversprechend«.

Angesprochen auf die Bauphase, schnauft sie dafür tief durch: »Das Haus hatte einen Renovierungsstau, es war weder vermarktet noch bei Mitbewerbern oder potenziellen Gästen bekannt.« Und das trotz dreißigjähriger Geschichte. Entsprechend sei die Herausforderung damals wie heute, in einer eher konservativen Gegend ein Hotel zu etablieren, das sich von anderen Bewerbern absetzt und dennoch glaubwürdig ist.

Ohne echte Typen als Mitarbeiter würde der Erfolg geringer ausfallen.

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Zwölf Runden reichen nicht: Geschäftsführerin Wiebke Ortmann

Das Kröger by Underdog
Hotels in Kürze

Wiedereröffnung: 1. Januar 2014

GM: Wiebke Ortmann

Standort: Hamburg-Wandsbek, Ahrensburger Straße 107–109, Naherholungsgebiet Wandsetal direkt vor der Tür, 650 Meter bis zum Botanischen Garten Wandsbek; Bushaltestelle direkt vor der Tür; rund 15 Fahrminuten bis zum Autobahnkreuz Hamburg-Ost

Kategorie: drei Sterne

Besonderheiten: Sleep: komfortable Boxspringbetten und verdunkelnde Gardinen;

Work: kostenloses WLAN im gesamten Hotel und ein moderner Tagungsraum für bis zu dreißig Personen; Play: Spielbereich in der Lobby mit Tischkicker, Spielkonsole und Brettspielverleih

Mitarbeiter: rund zehn (alle in Teilzeit oder als Aushilfen angestellt)

Ausstattung: 37 Zimmer (21 weitere Zimmer ab Februar/März 2017), Rezeption 24 Stunden besetzt, Fitnessbereich, Laptop-Safes auf jedem Zimmer, Regendusche, Flatscreen-TV, Parkgarage ab Januar 2017

Zimmerpreise: Exklusive Frühstück kostet das EZ ab 69 Euro, das DZ ab 89 Euro.

Ziel für 2017: »Die Etablierung am Markt sowie die erfolgreiche Vermarktung und Eingliederung eines Kapazitätenzuwachses von 56 Prozent«, so Gesellschafterin Wiebke Ortmann.

Von der Namensfindung ganz zu schweigen: Fast ein Jahr lang hat es gedauert, bis das Pächterpaar aus dem internen Arbeitstitel »Das hässliche Entlein« offiziell das »Kröger by Underdog Hotels« machte. Dabei lag die Lösung nur einen Steinwurf entfernt: Denn dank des benachbarten Boxstalls »Universum Box-Promotion« hat Sport in der Ahrensburger Straße 107 eine lange Tradition. Die Strippenzieher des einstigen Boxzentrums ließen ihre Ringgrößen regelmäßig in dem Vorgängerhaus übernachten. »Es wurde sogar von den Klitschkos oder Graciano Rocchigiani frequentiert«, plaudert die Gesellschafterin. Doch auch unbekanntere Boxer oder gar sportliche Außenseiter – englisch »Underdogs« – dürften in dem Hotel abgestiegen sein.

An die Ära der muskelbepackten Gäste erinnern noch heute viele Sportaccessoires im ganzen Gebäude, besonders ein brauner Boxsack im Fitnessbereich. In dem 16 Quadratmeter kleinen Raum können auch Gymnastikbälle, Slingtrainer oder eine Hangelstrecke zum Functional Training genutzt werden. Bildanleitungen an den Wänden hat Triathletin Ortmann selbst erstellt und ausprobiert. Und weil bei Bewegung die besten Ideen entstehen, kann der Fitnessraum auch als Tagungsbereich gemietet werden.

Auch die minimalistisch ausgestatteten Zimmer ein Stockwerk weiter oben sind alles andere als gewöhnlich. Im Badezimmer halten ausrangierte Tischkickerfiguren als Handtuchhalter her, und statt eines klassischen Kleiderschranks empfiehlt sich eine Ballettstange als etwas andere Garderobe. »In unseren Zimmern greifen wir vieles wieder auf, das wir in der Lobby bereits gestreut haben«, sagt Ortmann. Die Wände sind mit Spielfeldmarkierungen verziert und die roten Metallrohre kehren als Gardinenhalterung zurück.

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Rezeptionist oder Barkeeper: Alles aus einer Hand

Mitarbeiter, so multitaskingfähig wie die Einrichtung

Trotz aller Details und kreativer Ideen: »Ohne die passenden Mitarbeiter würde der Erfolg geringer ausfallen«, ist sich die Chefin sicher. Deshalb setzt sie bei ihren Angestellten auf »echte Typen«. Ob das nun Studenten oder Rentner sind, ist ihr egal. Aber: »Wie die Einrichtung müssen auch sie multitaskingfähig sein«, witzelt die 37-Jährige. So sei der Rezeptionist abends auch derjenige, der das Bier zapft und den Gin Tonic reicht. »Dadurch ist die Atmosphäre noch unverkrampfter und man kommt schneller ins Gespräch.« Der fröhliche Umgangston ist eines der Grundrezepte. »Und natürlich wird auch mal ein Bier spendiert oder nett geschnackt«, verrät die Hamburgerin. Die Gäste danken es: »Jung und Alt verlassen uns immer völlig begeistert.«

Im Klartext: Viele Gäste kommen wieder. Da spielt es am Ende auch keine Rolle, dass die Lage in Hamburg-Wandsbek auf den ersten Blick nicht ganz so attraktiv ist wie ein Standort in der City. Denn bei genauerer Betrachtung, so Hotelfachfrau Ortmann, sei der Nach- ein Vorteil: »Wir sind durch eine direkte Autobahnausfahrt sehr gut an die A 1 und die A 24 angebunden«, plaudert sie. Vor allem für Geschäftsreisende mit Terminen im Osten Hamburgs sei das sehr attraktiv. Immerhin macht die Businesskundschaft unter der Woche den Mammutteil der Gäste aus. »Aber am Wochenende nehmen auch die Privatreisenden die Lage des Hauses sehr gern auf sich, weil wir günstiger sind als viele Hotels in der Innenstadt« – sprich: für ein Doppelzimmer zahlen sie gerade mal 89 Euro.

Der Außenseiter soll wachsen

Noch attraktiver soll die Lage künftig durch Leihfahrräder werden. Und: »Im Februar/März des kommenden Jahres gehen 21 weitere Zimmer in Betrieb, da müssen wir mehr Sitzmöglichkeiten beim Frühstück schaffen«, so die Gesellschafterin. Deshalb wird zuvor die Lobby umstrukturiert. Mit den neuen Räumen im Anbau erhält das Kröger zudem eine eigene Tiefgarage.

Viel zu tun also im Underdog an der Ahrensburger Straße. Und falls es doch irgendwann langweilig werden sollte? »Über kurz oder lang werde ich sicher auf etwas Neues schielen«, verrät Ortmann. Ihr Traum: Die Underdog Hotels sollen zu einer Marke mit mehreren Häusern wachsen. »Das hat aber Zeit, konkrete Pläne gibt es noch nicht«, versichert sie. Spätestens dann wäre es mit dem Außenseiterimage wohl endgültig vorbei.