Titelbild für Artikel Miljö-Hotel 4.0
TEXT Astrid Schwamberger FOTOS Cornelis Gollhardt

Miljö-Hotel 4.0

In seinem Koncept Hotel Zum kostbaren Blut will Martin Stockburger die »Hotellerie neu definieren«: im Umgang mit Ressourcen, Mitarbeitern und Gästen. Damit er sich diese Extratouren an einem Topstandort wie Köln leisten kann, baut er auf die umfassende Digitalisierung.

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Martin Stockburger, irgendwas wie Direktor: Bahn frei fürs Digitale

Im Koncept Hotel Zum kostbaren Blut ist alles ein bisschen anders. Allein schon der Name! Er spielt auf die ehemaligen Bewohnerinnen dieses Hauses an: Missionsschwestern des wohltätigen Ordens vom Kostbaren Blut. Die hatten sich in den 1950er-Jahren in der Kölner Altstadt einquartiert, um Gutes zu tun – in direkter Nachbarschaft zum kölschen Miljö, jenem Klüngel zwielichtiger Gestalten, der der Domstadt damals den Spitznamen »Chicago am Rhein« beschert hatte. Diese Zeiten sind vorbei. Von der einst so berüchtigten Rotlichtszene sind nur noch wenige Etablissements wie etwa die Schwulenbar Hühnerfranz in der Hühnergasse übrig geblieben. Und auch die Nonnen sind nicht mehr da.

Martin Stockburger, der an der Ecke Alter Markt/Unter Käster einen Pachtvertrag unterschrieben hat, um die »Hotellerie neu zu definieren«, spielt augenzwinkernd mit diesen Geschichten, provoziert mit charmanten Elementen. So erinnern einerseits Nischen mit leicht kitschig verzierten Marien­figuren im Treppenhaus und die Namen der zwanzig Zimmer an die ehemaligen Bewohnerinnen. Auf der anderen Seite spiegeln Fotografien und abstrakte Kunst an den Wänden einstige Kiezgrößen und die wilde Vergangenheit wider – ein spannender Mix.

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    Alles dreht sich ums Konzept: vier neue Standorte, alle mit eigener Identität

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    Von wegen zwielichtig: Ehemaliges Ordenshaus mitten im Altstadt-Miljö

Koncept Hotel Zum kostbaren Blut in Zahlen

Eröffnung: 2017
Inhaber: Martin Stockburger
Standort: Unter Käster 9, 50667 Köln, www.zumkostbarenblut.com
Mitarbeiter: 3 sowie 2 Freunde, die sich einbringen, »weil sie Bock haben« (Stockburger)
Zimmer (Kabüffje): 20 (16 bis 32 Quadratmeter) in vier Kategorien: • Äbtissinnen-Kabüffje (De-luxe-Doppelzimmer), • Priorinnen-Kabüffje (Superior-Doppelzimmer), • Oberinnen-Kabüffje (Standard-Doppelzimmer), • Nonnen-Kabüffje (Einzelzimmer)
Ausstattung der Zimmer: Kostenloses Highspeed-WLAN, HDTV-Flatscreen, Schreibtisch (Äbtissinnen: Work-and-Dine-Tisch), Queen- oder Kingsize-Doppelbetten (Nonnen: 100-Zentimeter-Bett), geräumige Schränke (außer Nonnen), Bad mit Dusche und nachhaltigen Produkten. Priorinnen und Äbtissinnen sind zusätzlich ausgestattet mit Kitchenette samt Kühlschrank, Mikrowelle und Herd, 50er-Jahre-Vintage-Geschirr aus Porzellan sowie USB-Plattenspieler mit witziger Auswahl an Vinylplatten. Dachterrasse beim Äbtissinnen-Kabüffje.
Ausstattung des Hauses: Keine Rezeption; eigene Gastronomie im Erdgeschoss, die bis 23 Uhr geöffnet ist. 
USP: Lage in der Altstadt, Zimmer zum Alten Markt und mit Domblick. Nachhaltige Produkte, fairer Umgang mit Mitarbeitern, digitalisierte Abläufe. Kommunikation per Social Media oder Smartphone.
Zielgruppe: Konservativ geprägte, kaufkräftige Menschen, die bereit sind, ein Stück weit aus ihrer Komfortzone herauszugehen, um sich auf etwas Ungewöhnliches einzulassen.
Standardraten: Nonnen-Kabüffje ab 79 Euro, Oberinnen-­Kabüffje ab 89 Euro, Priorinnen-Kabüffje ab 99 Euro, Äbtissinnen-Kabüffje ab 109 Euro

Mehr Köln-Gefühl geht nicht

Es war genau das, was sich der Marketing- und Vertriebsprofi mit langjähriger Karriere in der klassischen Hotellerie gewünscht hatte. Etwas, das heraussticht. Doch er bekam noch mehr. Denn diese lebhafte Ecke in der Innenstadt bietet darüber hinaus einen Blick auf den Dom, und am Rosenmontag kütt d’r Zoch direkt an der Haustür vorbei – mehr von dem viel beschworenen Köln-Gefühl geht fast nicht. »Diese Lage, diese Größe, mit dieser DNA, das war ein Volltreffer«, sagt der Wahlkölner, der für sich weder einen Titel noch operative Funktionen im Haus reklamiert. Genau das sei es, was Gäste heutzutage möchten: Sie wollen eintauchen, mittendrin sein und – für die Dauer ihrer Reise – ohne Wenn und Aber zur lokalen Community dazugehören, je spannender, desto besser. Die Sharing Economy lässt grüßen, und Stockburger gibt zu: »Wir fischen knallhart in der Airbnb-Ecke.«

Diese coole Lage hat natürlich ihren Preis. Und nicht nur die. Denn das Konzept umfasst noch einen weiteren Aspekt, der höhere Kosten verursacht: den fairen Umgang mit Ressourcen und Mitarbeitern. So wurden ausschließlich sozial engagierte, regionale oder karitative Lieferanten ausgewählt. Die leicht retro angehauchten Möbel haben einheimische Handwerker aus dem Sauerland hergestellt, die Bettwäsche kommt nicht etwa aus einem Billiglohnland, sondern aus Belgien. Der Wäschesack auf dem Zimmer ist aus nachhaltiger Baumwolle und wird von Menschen mit Behinderung in einer integrativen Werkstatt bedruckt; Gäste sollen ihn als Souvenir mitnehmen. »Der kostet uns drei fuffzig, wäre der aus Plastik, würde er drei Cent kosten«, rechnet Stockburger. Auch Ökostrom, Duschgel ohne Palmöl und klimaneutral produzierte Bioseife aus den Tiroler Alpen – »all das kostet ein bisschen mehr, aber unsere Zielgruppe findet genau das toll«.

Zampano an der Rezeption, die es nicht gibt

Wer authentisch sein will, muss eben konsequent sein und ab und an mal in den sauren Apfel beißen. Stockburger hatte jedoch eine clevere Idee, damit das Geld, das durch die eine Tür hinausgeht, durch eine andere wieder hereinspaziert. Seine Lösung baut auf die konsequente Digitalisierung der Abläufe. Aus Erfahrung weiß er: »Da gibt es so viele, von denen die Gäste gar nichts haben.« Zum Beispiel, wenn sie an der Rezeption anstehen müssen, nur um ihren Schlüssel zu holen oder zu bezahlen. Dabei möchten Gäste doch nur eines: schnell und bequem auf ihr Zimmer oder unkompliziert abreisen.

Dieses Haus war ein Volltreffer.

Im Kostbaren Blut geschieht dies alles per App. Sie soll auch den Bezahlvorgang oder Zusatzkosten fürs Frühstück abdecken, die Rechnung soll automatisch kommen. Wozu also noch einen Empfangstresen? Weg damit! »In dieser Stringenz hat das in Deutschland noch keiner gemacht«, sagt Stockburger. Zur Abbildung all dieser Prozesse sitzt er gerade mit dem Start-up Conichi zusammen. 

Nicht allen Gästen ist dieses ungewöhnliche Prozedere auf Anhieb geheuer. Der ein oder andere rufe schon mal an, nur um sich zu verabschieden, denn auch die Kommunikation läuft virtuell über das Smartphone: per Whatsapp, Social Media und Telefon. Damit will Stockburger Gäste glücklich machen, die ihr Anliegen auf einem Kanal ihrer Wahl loswerden wollen. Außerdem gilt das Versprechen, dass der diensthabende Betriebsleiter, der hier »Zampano« heißt, jederzeit zu erreichen sei. Anders als die Hauptfigur in dem Kultfilm »La Strada« ist der Zampano hier freilich ein uneingeschränkt freundlicher Zeitgenosse, der allen hilft, die ihn rufen. »Nach 18 Uhr bin ich auch schon mal der Zampano«, lacht Stockburger.

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    Um Gottes willen! Spannender Mix aus Maria hier und Kiezgrößen da

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    Einmal vollmachen, bitte: Soziales Mitbringsel für Dreckwäsche

Das Du regiert

Auch dann kommuniziert er nicht wie ein Hoteldirektor mit seinen Gästen, sondern wie mit Freunden: Auf Du und Du fühlten die sich dann bestenfalls sogar als Teil des Konzepts und könnten möglicherweise leichter verschmerzen, dass es im Viertel eben etwas lauter zugeht. Auf Augenhöhe möchte Stockburger aber auch mit seinen Mitarbeitern umgehen; Hierarchien sind nicht sein Ding. Er selbst sieht sich eher als »Mädchen für alles« und nimmt auch mal den Hochdruckreiniger in die Hand. »Das muss ehrlich in alle Richtungen sein«, findet er, »und ob ich den Lohn überweise oder ihn überwiesen bekomme, spielt hier keine Rolle.« Apropos: Die Entlohnung müsse natürlich auch stimmen. Während viele in der Branche darüber stöhnten, keine Leute mehr zu finden oder halten zu können, plädiert Stockburger für eine »angemessene Bezahlung«. 

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Schlüssel zum digitalen Glück: Keine Rezeption, schneller Check-out

Der nächste Streich folgt sogleich

Die Rechnung scheint aufzugehen. Seine Mitarbeiter gehen die ein oder andere Extrameile für ihn, stehen wenn nötig auch noch nach Feierabend parat. »Das wäre nicht so, wenn ich Mindestlohn bezahlen würde.« Und auch die Gäste wissen sein Angebot zum Premiumpreis zu schätzen: »Um Gutes zu tun, zahlen sie mehr als das, was wir an Mehrkosten haben.« Der Blick auf die Marken-Benchmark für Köln macht den Mann ohne Titel zusätzlich happy. Sowohl bei der Auslastung als auch bei der Rate liege das Kostbare Blut »knapp über vier Sternen«. Die Bewertungen seien ebenfalls »überdurchschnittlich gut« und »überm Branchenschnitt in der Stadt«.

Was in Köln funktioniert, soll nun auch an vier weiteren Standorten im Rheinland gelingen. Die neuen Häuser in Düsseldorf, Bonn, Essen und Aachen sollen ebenfalls nach dem Dreiklang fair, lokal, digital aufgezogen werden. Jedoch sollen die neuen jeweils anders heißen und ihre eigene Identität haben: »Die Idee ist auch hier, eine spannende Geschichte mit Bezug zur Örtlichkeit herauszuarbeiten«, orakelt der Aushilfs-Zampano. So viel sei verraten: Von einem Miljö wie in Köln werden die vier neuen »ganz weit weg sein«.