Titelbild für Artikel Menschen, Autos, Emotionen
TEXT Astrid Schwamberger · FOTOS Frank Hoppe

Menschen, Autos, Emotionen

An einem Ort, den zuvor kaum ein Tourist kannte, ist Simeon Schad ein Kunststück gelungen: Er brachte ein kleines Haus groß raus – und expandierte schließlich auch noch ein paar Nummern größer. Sein Schlüssel zum Erfolg ist ein Angebot, das sich konsequent in seine vom Automobil geprägte Umgebung einfügt.

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Simeon Schad:
Aufgewachsen mit V8-Motoren

Menschen mit Benzin im Blut ist aber auch Böblingen ein Begriff: 2009 hat sich dort auf einem weitläufigen Gelände des ehemaligen württembergischen Landesflughafens ein auf Oldtimer, moderne Klassiker, Sportwagen und Sammlerfahrzeuge spezialisiertes Dienstleistungs- und Erlebniszentrum angesiedelt. In der Motorworld finden Autoenthusiasten seitdem auf 25.000 Quadratmetern verschiedene Händler mit Showrooms und Werkstätten, Anbieter gläserner Einstellboxen, Zubehörshops, Restaurants, Tagungs- und Eventlocations – sowie das ganz und gar im Autohimmel rangierende V8-Hotel. Eigentlich sind es sogar zwei V8-Hotels. Das erste, das V8 Classic, hatte sein Geschäftsführer Simeon Schad bereits 2009 eröffnet. Doch schon bald hatte sich abgezeichnet, dass die 34 Zimmer des ehemaligen Flughafenhotels aus der Bauhaus-Ära längst nicht ausreichend Kapazitäten bieten für die Besucher all der zahllosen Tagungen und Events in der Motorworld. Also gab Schad Gas und eröffnete mithilfe seines Investors im April 2018 ein zweites V8 – diesmal in einem Neubau mit 153 Zimmern. »Damit sind wir jetzt das größte privat geführte Hotel in der Region Stuttgart«, sagt Geschäftsführer Schad nicht ohne Stolz.

Abgefahren und einzigartig

Der Name – V8 steht für Achtzylinder-V-Motoren – deutet an, was sich durch beide Häuser zieht wie die Mittelleitplanken entlang der nahe gelegenen Autobahn 81: Automobile, Oldtimer und Rennsport. Polierte Sportwagenklassiker stehen im Foyer, und ein Pick-up aus den Fünfzigerjahren mit Originalpatina im gleichnamigen Restaurant. Graffiti mit Automobilmotiven und Modellautos ziehen die Blicke in den Treppenhäusern auf sich. Eyecatcher sind auch Sitzmöbel aus Autoteilen und eine kreisrunde Rezeption, die an einen überdimensionalen Reifen erinnern soll. Wenn die V8-Gastronomie bei größeren Veranstaltungen mehr Platz benötigt, öffnet der Nachbar, ein Oldtimer-Händler, seine Glasfront und räumt seine Schätze beiseite. V8-Hotelier Schad: »Hier greift ein Rädle ins andere.« Sein Hotelkonzept hat der Hotelprofi, dessen Karriere in einem Fünf-Sterne-Hotel in Stuttgart begann, bewusst passend zur Motorworld entwickelt. Bereits als er das denkmalgeschützte Gebäude aus der Bauhaus-Ära zum ersten Mal betrat, hatte er sich nicht nur sofort in die Immobilie verliebt. Ihm war gleichzeitig auch klar: »Wir müssen hier etwas Abgefahrenes, Einzigartiges machen, damit wir eine Wirtschaftlichkeit herstellen können.« Ein Knackpunkt war der Standort, den bis dato kaum ein Tourist auf dem Schirm hatte. Damit nicht genug, bot das ehemalige Flughafenhotel nur Platz für gerade einmal 34 Zimmer. Doch Schad hatte Ideen und Investor Andreas Dünkel auf seiner Seite.

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Anhimmelbett: Gute Nacht im Lieblingswagen

Geschichten rund ums Auto

Ein Alleinstellungsmerkmal waren von Anfang an die Themenzimmer: Zehn sind es im V8 Classic, 16 im neuen V8 Hotel. Platziert wurden sie jeweils am Ende der Flure. »Da haben wir größere Grundrisse als in den anderen Doppelzimmern«, sagt Schad. Den damit verbundenen Spielraum nutzt er, um Geschichten rund ums Auto zu erzählen und zusammen mit Künstlern die Zimmer entsprechend zu gestalten. »Ausgetobt« hätte er sich, sagt Schad, der mit den »Ami-Schlitten« seiner Eltern und dem Sound dieser V8-Motoren aufgewachsen ist und schon als Bub mit geschlossenen Augen alle Marken erkannt hat. »Vielleicht hat mich das geprägt«, sagt der autoverrückte Hotelier und grinst.

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Falschparker: Restaurant Pick-up

Was wir machen, ist authentisch.

Diese Wertigkeit betont der Hausherr gern: »Bei uns ist alles echt und mit der Hand am Arm gemacht.« Das gilt auch für die Kunstwerke an den Wänden: Szenerien mit uriger Scheunenatmosphäre, Waldambiente oder dem Flair einer Retro-Werkstatt – und natürlich Autos, Autos, Autos. Im »Scheunenfund«-Zimmer weist Simeon Schad darauf hin, wie plastisch der Künstler das Reifenprofil herausgearbeitet hat, »dass man das Gefühl hat, es schaut einen wirklich aus der Garage heraus an«. Eine Geschichte übrigens, die keineswegs aus der Luft gegriffen ist: Immer wieder seien Autos, die vierzig, fünfzig Jahre im Verborgenen geschlummert haben, als Restaurationsobjekte in der Motorworld gelandet.

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Viel Platz unter der Haube: fast 200 Zimmer

Nicht alle Zimmer sind indes Themenzimmer. Das sei auch gar nicht nötig, erklärt Hotelier Schad, denn »unsere Businesskunden sind nicht unbedingt auf Themenzimmer fixiert. Denen reichen unsere Design-Doppelzimmer«. Ganz ohne automobiles Flair müssen seine Gäste jedoch auch in diesen Zimmern nicht auskommen. Zwar schlafen sie hier nicht in Autos, das Leitthema umgibt sie dennoch: Legendäre Rennsportszenen aus einschlägigen Archiven zieren in Schwarz-Weiß auf eigens angefertigten Tapeten großformatig die Zimmer. Und auch die Künstler haben sich mit passenden Motiven an den Wänden verewigt. Mal prangt da ein Martini-Porsche neben dem Umriss der Strecke von Le Mans, mal das Konterfei eines Rennfahrers in seinem historischen Gefährt. 

V8 in Zahlen

Eröffnung: V8 Classic: 2009, V8 Hotel: 2018
Dehoga-Sterne: vier
Geschäftsführer: Simeon und Karen Schad
Standort: Flugfeld, Charles-Lindbergh-Platz 1, 71034 Böblingen
Mitarbeiter: fünfzig
Zimmer: 34 Zimmer im V8 Classic, 153 im V8 Hotel in fünf Kategorien (V4 Einzelzimmer, V6 Doppelzimmer, V8 Themenzimmer, V10 Service Appartements, V12 Mercedes Suite) 
USP: Lage in der Motorworld Region Stuttgart; einzelne Zimmer mit Aussicht auf die Schätze in der denkmalgeschützten Handelshalle der Motorworld; Arrangements, die die Attraktionen der Region miteinbeziehen
Besonderheiten des V8 Hotels: Panoramasauna mit Blick über die Dächer von Böblingen, die Motorworld und das Mercedes-Benz-Werk Sindelfingen, drei multiflexible Tagungsräume und ein Eventbereich (900 Quadratmeter) mit Autoaufzug und Cateringküche, Restaurant Pick-up (140 Sitzplätze), erweiterbar um die Fläche des Autohauses nebenan
Standardraten: Themenzimmer ab 179 Euro, Doppelzimmer ab 159 Euro, Mercedes Suite ab 670 Euro 
Auslastung: 70 bis 80 Prozent im V8 Classic; im neuen V8 Hotel ist Simeon Schad »für die ersten Monate sehr zufrieden«.
Gäste: Businesskunden unter der Woche, Touristen am Wochenende und in Ferienzeiten 
Kooperationen: Best Western Collection, Lifestyle Hotels

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Kunst im Bau:
Sofa oder Motorhaube?

Mehr Aufwand, mehr Kosten, mehr Gewinn

So viel Aufwand hat natürlich auch seinen Preis: Ungefähr dreimal so teuer seien die Themenzimmer in der Anschaffung, sagt Schad. Auch in der Pflege seien sie aufwendiger, schließlich stehen ja Werte darin, die schonend behandelt werden müssen. »Da können wir unseren Mitarbeitern keine zeitlichen Vorgaben machen.« Dennoch lohne sich die Investition: Aufgrund des Mehrwerts, den seine Gäste letztlich genießen, könne er höhere Zimmerpreise verlangen, sagt Schad. Über den Preis verkaufen müsse er nicht – und wolle er auch nicht. Der Mix aus Themen- und Designzimmern habe sich ebenfalls bewährt, sagt Schad. »Das hat bislang sehr gut geklappt, weil es authentisch ist, was wir hier machen.« Solche Hotels könne man eben nicht auf der grünen Wiese betreiben, sondern nur in dieser automobil geprägten Region und in Verbindung mit der Motorworld. Und so kommen Themengäste schon mal wieder, um später auch noch eine Firmenveranstaltung durchzuführen. Oder der Businessgast vom Montag checkt am Wochenende mit Kind und Kegel ein – zum Sonderpreis für das zweite Zimmer. Schad, selbst Vater von zwei Kindern, sieht darin eine »Investition in die Zukunft«. Er ist überzeugt, dass Kinder, die einen guten Aufenthalt hatten, als junge Erwachsene wiederkommen werden.