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TEXT Silke Becker FOTOS Pascal Mora

Hoher Anspruch, keine Allüren

Höchste Qualität, aber leger und ohne Pomp. Absolute Professionalität, gepaart mit echter Herzlichkeit. Mit diesem Konzept schaffen Daniela und Philippe Frutiger in den luxuriösen Häusern der Giardino Group eine ganz besondere Atmosphäre. Dabei wollten sie eigentlich immer woandershin.

Daniela Frutiger

1969 geboren in Aalen (Schwäbische Alb)
1985 bis 1987 Ausbildung zur Pharma-Assistentin in Ellwangen
1987 bis 1989 Ausbildung zur Spa-Therapeutin in Stuttgart; diverse Zusatzausbildungen: Ausbildung zur Shiatsu-Therapeutin, Fortbildungen in Therapie und Kosmetik, Ausbildung zur Image-Beraterin
1992 bis 2000 Giardino Ascona, Spa-Managerin 
2001 bis 2006 Lenkerhof, Lenk im Simmental, Direktion

Philippe Frutiger

1969 geboren in Bern
1986 bis 1989 Ausbildung zum Koch, Grandhotel Victoria Jungfrau, Interlaken
1990 bis 1991 Auszeit in Australien
1992 bis 1995 Hotelfachschule Thun, Ausbildung zum Hotelmanager HF, Nachdiplom-Studium NDS für die Hotellerie
1995 bis 2001 Giardino Ascona, zuletzt Vizedirektor
2001 bis 2006 Lenkerhof, Lenk im Simmental, General Manager

Giardino Group

2006 Übernahme des Giardino Ascona durch Daniela und Philippe Frutiger
2008 Gründung der Giardino Group, Relaunch Giardino Ascona
2011 Neueröffnung des Giardino Lago, Minusio, Lago Maggiore
2011 Eröffnung des Giardino Mountain, Champfèr, St. Moritz
2015 Neueröffnung des Atlantis by Giardino, Zürich
2019 geplante Eröffnung Hotel Giardino, Bergwelt Grindelwald

Philippe Frutiger: ein gelernter Koch, der als Aussteiger an Australiens Küsten surfte. »Ich war schlecht in der Schule und wusste nicht, was ich werden wollte.« Daniela Frutiger: Eine Pharma-Assistentin, die sich zur Spa-Managerin weiterbildete. »Immer nur kranke Menschen, das gefiel mir nicht.« Beide zusammen: Ein unschlagbares Team, das die Schweizer Luxushotellerie neu definiert. 

Und das kam so: Gelangweilt vom Dauerurlaub kehrte Philippe Frutiger mit Anfang zwanzig zurück in die Schweiz. »Jetzt wollte ich Karriere machen.« Der gebürtige Berner besuchte die Hotelfachschule in Thun und startete mit einem Praktikum im Giardino-Mutterhaus in Ascona, damals noch unter der Leitung der Schweizer Hotelierslegende Hans Leu. »Eigentlich wollte ich danach nach Dubai oder Abu Dhabi.« Doch das Giardino ließ seinen späteren Vizedirektor einfach nicht gehen. »Ich habe jährlich gekündigt und wurde jedes Mal befördert.« Daniela Frutiger leitete damals bereits das Spa des Giardino. Während ihrer Kosmetikfortbildung hatte sie ein Praktikum im Spa des luxuriösen Arosa Kulm Hotel gemacht. »Da habe ich mich in die Hotellerie verliebt.« Vom Kulm fand sie schon bald ins Giardino.

Philippe Frutiger war sofort angetan von der attraktiven Spa-Managerin aus Deutschland. »Das Kopiergerät stand in der Nähe des Spa, und ich hatte immer viel zu kopieren«, lacht er. Inzwischen sind die beiden seit über zwanzig Jahren ein Paar und haben zwei erwachsene Söhne. Bei jedem Blick, jeder kleinen Berührung spürt man ihre tiefe Verbundenheit. Sie entscheiden alles gemeinsam, beruflich und privat. Meist sind sie sowieso derselben Meinung, und wenn nicht, wird das ausdiskutiert. »Wir sind gegenseitig unsere stärksten Kritiker, und das muss auch so sein.« 

Einmal Lenkerhof und zurück

In der Schweizer Hotellerie sind die beiden bestens bekannt, weil sie das nach über 300 Jahren insolvente Achtzig-Zimmer-Traditionshaus Lenkerhof wieder auf Erfolgskurs gebracht haben. Dafür erhielten sie zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem »Hotel des Jahres 2005« und den »Gala Spa Award 2004«. Der Job hatte sich für die Frutigers, damals Anfang dreißig, über Branchenkontakte ergeben. »Wir haben nichts geplant, es hat sich alles gefügt.« Für den Relaunch des Fünf-Sterne-Hauses setzten sie auf einen »Mix aus Tradition und Lifestyle«, der bei den Kunden bestens ankam. »Der Investor hat alle unsere Ideen übernommen.« Im kleinen Touristenort Lenk kannte bald jeder das Paar, auch die örtlichen Medien berichteten gern. »Irgendwann war uns der Hype zu viel, wir konnten kaum mehr unbeobachtet leben.«

Da passte es perfekt, dass nach fünf Jahren im Lenkerhof das Giardino in Ascona wieder rief. Die Investoren, die das Haus inzwischen von Hans Leu übernommen hatten, agierten glücklos und erhofften sich von Frutigers Know-how die Wende. »Es hatte sich nichts geändert, alles war genau wie vorher«, wundern sich die beiden noch heute. Frutigers stellten einen 22-Punkte-Plan auf. Doch die dringend nötige Umgestaltung war nicht das einzige Problem. »Das Hotel war verkauft und viel zu teuer zurückgemietet worden, das war wirtschaftlich nicht tragbar.« Trotzdem wollte das Paar das Traditionshaus unbedingt weiterführen. Mit Rolex-Erbe Daniel Borer und Giardinos langjährigem Finanzberater Stefan Schmidt fanden sie neue Geldgeber, außerdem stiegen Frutigers mit vierzig Prozent selbst ein. Auch diesmal lag das Paar goldrichtig. »Die folgenden drei Jahre waren die erfolgreichsten in der Geschichte des Hauses.« 

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Daniela und Philippe Frutiger: Chefs zum Anfassen und sich selbst die stärksten Kritiker

Danach ging es Schlag auf Schlag. Es folgte das Giardino Lago, denn Daniela Frutiger hatte sich in das heruntergekommene 15-Zimmer-Kleinod mit fantastischem Blick auf den Lago Maggiore verliebt. Fast zeitgleich kam das Giardino Mountain mit 78 Zimmern hinzu, 2015 vom Magazin »Geo Saison« als »schönstes Berghotel Europas« ausgezeichnet. Der letzte Coup war die Neueröffnung des leer stehenden Züricher 95-Zimmer-Hauses Atlantis by Giardino im Jahr 2015. Hier waren in den in den 1970er-Jahren Weltstars wie Frank Zappa oder Freddy Mercury ein und aus gegangen. 

Professionalität und Warmherzigkeit

In allen Giardino-Häusern wollen die Frutigers eine luxuriöse und gleichzeitig legere, warme Atmosphäre schaffen, die sich deutlich von dem oft etwas einschüchternden, protzigen Stil abheben soll, der in anderen Häusern dieser Klasse üblich ist: Helle, freundliche Farben, gemütliche Sitzecken, viele kuschelige Kissen und prasselnde Kaminfeuer sollen für eine stilvolle Gemütlichkeit sorgen. »Wir sind in der Fünf-Sterne-Hotellerie der Schweiz sehr innovativ.« Unter der Marke Ecco bieten sie ihren Gästen eine hochkarätige, meist Sterne-dekorierte Gastronomie, Ehrensache für den ausgebildeten Koch Philippe Frutiger. Und die hauseigene Marke Dipiù steht für die luxuriösen Spas mit eigener Kosmetiklinie, das besondere Steckenpferd von Daniela Frutiger. Hier setzt sie auf ein modernes, der westlichen Kultur angepasstes Ayurveda. »Wir alle werden immer älter, und damit wird ein gesunder Lebensstil immer wichtiger.« 

Ich habe jährlich gekündigt und wurde jedes Mal befördert.

Am allerwichtigsten aber ist den beiden heute 49-Jährigen das Personal. Bei Giardino soll es nicht förmlich und steif, sondern herzlich und natürlich, aber dennoch formvollendet alle Wünsche der anspruchsvollen Gäste erfüllen. So wie eben auch Daniela und Philippe Frutiger selbst mit Menschen umgehen. Auch innerhalb des Teams legen die Frutigers viel Wert auf ein familiäres Miteinander. »Nur wenn die Mitarbeiter zufrieden sind, entsteht eine gute Atmosphäre für den Gast.« Beide sind häufig vor Ort in den einzelnen Häusern, Chefs zum Anfassen, mit hohen Ansprüchen, aber ohne Allüren. Dennoch ist auch bei Giardino, wie überall in der Branche, die Suche nach gutem Personal eine ständige Herausforderung. 

Verbindlich im Ton, hart in der Sache

Trotz aller Verbindlichkeit im Ton: Daniela und Philippe Frutiger treibt auch ein eiserner Wille, klare Zielvorstellungen und absoluter Perfektionismus, wenn es um die Gestaltung und die Qualität ihrer Häuser geht. »Für uns ist jedes Detail wichtig.« Beide profitieren von ihrer jahrelangen Erfahrung, wissen, was Gäste wollen, bei denen Geld keine Rolle spielt. »Alles muss jederzeit verfügbar sein.« Viele Buchungen kommen erst in letzter Minute herein, selbst Bankette mit über hundert Personen. 

Neben den Erfolgen gab es natürlich auch Rückschläge. So manches in den letzten Jahren angegangene Hotelprojekt scheiterte am Ende an der Finanzierung. Und kurz vor der Eröffnung des Züricher Atlantis by Giardino starb der Emir von Katar völlig unerwartet. Die prunkvolle, eigens für ihn gestaltete »Royal Residence« in der obersten Etage, mit 17 Zimmern Europas größte Hotelsuite, muss jetzt anderweitig vermarktet werden – was auch die Finanzplanung empfindlich beeinflusste. 

Zwei, drei weitere Häuser im Visier

Im Sommer, wenn alle Häuser geöffnet sind, beschäftigt das Unternehmen etwa 500 Mitarbeiter. Aktuell macht die Gruppe einen Umsatz von fünfzig Millionen Schweizer Franken (43 Millionen Euro). Die Krisen in Russland und am Golf spürt man auch bei Giardino, die Gäste kommen vorwiegend aus dem deutschsprachigen Raum sowie aus den USA. Derzeit entsteht im Grindelwald ein weiteres Fünf-Sterne-superior-Haus, das – nach mehreren Terminverschiebungen – nun 2019 eröffnen soll. »Aus wirtschaftlichen Gründen möchten wir noch um zwei oder drei Häuser wachsen.« Der gemeinsame Traum: ein Hotel am Meer, natürlich ebenfalls im typischen Giardino-Stil.