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TEXT: Ingrid Hartges

Gigantisches Experiment!

Ingrid Hartges zum Mindestlohn.

Der seit dem 1. Januar 2015 geltende Mindestlohn von 8,50 Euro stellt das Gastgewerbe vor große Herausforderungen. Ein Beitrag von Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Dehoga.

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Dehoga-Geschäftsführerin Ingrid Hartges: Mindestlohn
schafft Fehlanreize

Das Gastgewerbe hat sich in den vergangenen zehn Jahren als starker Jobmotor erwiesen: Mehr als 200.000 neue sozialversicherungspflichtig Beschäftigte stehen für ein Plus von fast 30 Prozent! Für diese positive Entwicklung stellt der gesetzliche Mindestlohn ein Risiko dar; wir sehen ihn als gigantisches arbeitsmarktpolitisches Experiment. Denn mit einem Personalkostenanteil zwischen 25 bis 40 Prozent ist das Gastgewerbe eine besonders arbeitsintensive Branche. Gerechnet auf den gleichen Umsatz werden in Gastronomie und Hotellerie sechs Mal so viele Arbeitnehmer beschäftigt wie zum Beispiel im Lebensmitteleinzelhandel.

Personalkostensteigerungen programmiert

Im Gesetzgebungsverfahren hat sich der Dehoga deshalb intensiv für sachgerechte Differenzierungen – zum Beispiel für Minijobber und junge Erwachsene – eingesetzt (siehe Kasten). Mit der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages war aber klar, dass der einheitliche Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro zum 1. Januar 2015 kommen würde. Wenn also Arbeitsplätze und Existenzen gefährdet werden, steht die Bundesregierung in der Verantwortung. Gerade in den ersten Monaten des Mindestlohns wird die Politik sehr genau hinsehen müssen.
Gefährdet sieht der Dehoga vor allem kleine und mittelständische Betriebe in strukturschwachen Regionen – insbesondere in Ostdeutschland. In einigen Regionen sind Personalkostensteigerungen von bis zu 20 Prozent und mehr programmiert. Auch bei einigen Zulieferern werden die Kosten steigen. Dazu kommt der enorme bürokratische Umsetzungsaufwand, insbesondere durch die neue Pflicht zur Aufzeichnung und Dokumentation der Arbeitszeit. Dieser wird oft unterschätzt, stellt aber für viele Betriebe in der Umsetzung das größte Problem dar.

Wer hat Anspruch?

Jeder Arbeitnehmer hat Anspruch auf Zahlung eines Arbeitsentgelts mindestens in Höhe des Mindestlohns durch den Arbeitgeber. Die Höhe des Mindestlohns beträgt seit dem 1. Januar 2015 brutto 8,50 Euro je Zeitstunde.

Das gilt auch für

  • Saisonarbeiter
  • ausländische Beschäftigte
  • Minijobber ab 18 Jahren
  • Rentner
  • Langzeitarbeitslose. Deren Anspruch auf Mindestlohn besteht jedoch erst sechs Monate nach Wiederaufnahme einer Tätigkeit.

Ausgenommen sind
Minderjährige und Auszubildende. Azubis erhalten tariflich ausgehandelte Ausbildungsvergütungen. Auch wenn ein Auszubildender über 18 Jahre alt sein sollte, besteht im Ausbildungsverhältnis kein Anspruch auf Mindestlohn, wohl aber für einen Nebenjob.

Täuschen wird teuer
Arbeitgeber, die sich nicht an das Mindestlohngesetz halten, müssen mit saftigen Sanktionen bis zu 500.000 Euro sowie Nachforderungen rechnen.
Quelle: www.Mindestlohn.de

Kosten weitergeben?

Derzeit nicht absehbar ist, in welchem Umfang Arbeitsplatzverluste oder Betriebsschließungen mit dem Mindestlohn verbunden sein werden. Horror­szenarien malen wir angesichts dessen nicht an die Wand. Stattdessen konzentrieren wir uns seit Monaten auf die intensive sachliche Kommunikation in die Branche hinein und unterstützen unsere Mitglieder durch Publikationen, Informationsveranstaltungen und Beratung (vgl.: www.dehoga-shop.de FAQ Mindestlohn).
Auf die Frage, ob das Gastgewerbe die höheren Kosten an seine Kunden weitergeben wird, so wie es zum Beispiel die Taxifahrer planen, gibt es für uns nur eine Antwort: Die Preisgestaltung ist ureigene Aufgabe eines jeden einzelnen Unternehmers. In den Betrieben, in denen wir 25 Prozent Personalkostensteigerungen haben, wird es jedoch schwer sein, die Belastung durch höhere Umsätze aufzufangen. Zugleich wissen wir um die Preissensibilität. Es bleibt zu hoffen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung, die den Mindestlohn befürwortet hat, jetzt auch bereit ist, für gute Produkte und Dienstleistungen gute Preise zu bezahlen.

Ausbildung versus Mindestlohn

Für Auszubildende gilt der Mindestlohn nicht, hier gilt die Azubivergütung. Viele Betriebe bezahlen gute Leute, etwa in der Küche, bereits heute deutlich über Tarif. Übrigens: Koch und Hotelfach gehören seit Jahren in die Top 20 der beliebtesten Ausbildungsberufe. Es ist also ein Märchen, dass junge Menschen um das Gastgewerbe einen Bogen machen. Gerade mit Blick auf unsere duale Ausbildung ist der geplante Mindestlohn ab 18 Jahren eine Fehlentscheidung. Denn da das Alter der Ausbildungsanfänger in Deutschland im Schnitt knapp 20 Jahre beträgt, treten Mindestlohn und Azubivergütung künftig in Konkurrenz. Wenn einfachste, ungelernte Tätigkeiten mit mehr als 1.400 Euro pro Monat entlohnt werden, gibt es einen starken Fehlanreiz, sich eben nicht für eine Ausbildung mit ein paar Hundert Euro Ausbildungsvergütung zu entscheiden.«