Titelbild für Artikel Geschichten, die begeistern
TEXT: Astrid Schwamberger FOTOS: Jens Gyarmaty

Geschichten, die begeistern

Mit seinem kleinen, feinen Bed and Breakfast Mein.Lychen schaffte es Friedrich W. Niemann aus dem Stand und ohne dickes Marketingbudget in die Berichterstattung. Wo andere sich allerhand einfallen lassen müssen, um die Aufmerksamkeit von Journalisten zu gewinnen, erzählte der Hotelprofi einfach seine Geschichte.

Storytelling ist das neue Zauberwort im Marketing. Informationen werden dabei in tolle Geschichten verpackt, um sie spannender zu machen und in den Redaktionsstuben Aufmerksamkeit zu erregen; schließlich soll die Presse ja darüber berichten. Oft sind solche Storys frisiert, manchmal sogar frei erfunden. Die Geschichte von Friedrich W. Niemann ist jedoch nicht nur spektakulär und nahezu unglaublich, sie ist auch noch wahr.

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Klein, aber oho: Mit schlauer PR in die Medien

Mein.Lychen in Zahlen

Eröffnung: 2016

Inhaber: Konrad Niemann und Friedrich W. Niemann

Standort: Berliner Straße 43, 17279 Lychen

Mitarbeiter: vier

Zimmer: sechs in zwei Kategorien, 13 bis 33 Quadratmeter

Ausstattung der Zimmer: Boxspring-Doppelbett (140/160/180 mal 200 Zentimeter) mit guter Beleuchtung und Ablagen, Schrank mit vielen Bügeln, Bettbank oder -hocker, Coffeetable mit einem oder zwei Sesseln und landestypische Elemente, zum Teil sind Sofa und Schreibtisch vorhanden. Alle Zimmer mit eigenem Bad; Tablet und kostenfreies WLAN, kein TV-Gerät; Studio »Transsilvanien« mit großer Terrasse, Studio »Amerika« mit eigenem Zugang zum Garten

Ausstattung des Hauses: Bibliothek mit langem Gemeinschaftstisch, Jagdzimmer mit Schwedenofen, Sauna mit Schwalldusche und Ruheliegen, 2000 Quadratmeter großer Garten mit Anleger für Paddel- und Ruderboote, Ruheinseln und überdachter Veranda

Besonderheit: kulinarisches Frühstück mit drei Gängen (Müsli oder Quarkspeise als Entree, Eierspeise als Hauptgang, Kuchen oder Waffeln zum Nachtisch)

Preise: je nach Saison 95/105 Euro (Zimmer) oder 135/145 Euro (Studio) bei Belegung mit zwei Personen (inklusive Frühstück, Sauna, Begrüßungsgetränk), zwei bis drei Nächte Mindestaufenthalt, 20 Euro Nachlass bei Nutzung als Einzelzimmer, Aufbettung kostet 20 Euro, Hunde 10 Euro; vom 5. November 2017 bis zum 18. März 2018 exklusiv als Ferienhaus für Gruppen bis zu 16 Personen ab einem Mindestaufenthalt von drei Tagen

Gäste: vorwiegend Privatreisende, vor allem aus Berlin und Umgebung, zunehmend aber auch aus Süddeutschland, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern

Der ehemalige Generaldirektor des Waldorf Astoria in Berlin hatte sich tatsächlich nach über 25 Jahren und einer steilen Karriere in der internationalen Luxushotellerie aus selbiger verabschiedet, um gemeinsam mit seinem Bruder Konrad einen Lebenstraum zu verwirklichen: »Ich wollte schon immer so etwas Kleines, Feines machen«, sagt er. Bereits vor vielen Jahren habe er sich in Oberbayern nach geeigneten Objekten umgeschaut; später dann auch auf dem Balkan und in Transsilvanien. Richtig ernst jedoch wurde es am Pfingstmontag 2014, als die Brüder auf einer Paddeltour an einem Anwesen in Lychen vorbeikamen und das Verkaufsschild entdeckten. »Da passten die Parameter recht gut zusammen.« Die beiden schlugen zu.

Die 3100-Seelen-Gemeinde Lychen in der Uckermark, in der einst die Reißzwecke erfunden wurde, kannten sie schon seit gut zwanzig Jahren von der Paddelei; stets mieteten sie dort ihre Boote. In dieser vertrauten Umgebung mit den vielen Seen und Wasserwegen eröffneten sie schließlich im Juli 2016 Mein.Lychen, ein Bed and Breakfast mit gerade einmal vier Zimmern und zwei etwas größeren Studios.

Wie bei Niemanns zu Hause

Von außen erscheint das cremefarbene Haus mit der dunkelroten Eingangstür auch heute noch, nach umfassender Renovierung, recht unscheinbar. Das Interieur jedoch ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet und alles andere als gewöhnlich. »Jedes Zimmer, jedes Möbelstück erzählt ’ne Geschichte«, sagt Niemann. Paradebeispiel sei der lange, massive Holztisch in der Bibliothek, an dem sich die Gäste zwischen 8 und 10.30 Uhr zum Frühstück einfinden. »Das war früher der Mangeltisch meiner Urgroßmutter.«

Ungefähr vierzig Jahre lang stand der im Keller seiner Mutter, bis er ihn vor ein paar Jahren höchstselbst restauriert hat. Jetzt ist er »das Center-­Piece« im Raum, um das sich weitere Möbel aus Niemann’schem Familienbesitz gruppieren – »keine hochwertigen Antiquitäten«, wie der Hausherr einschränkt, aber eine Melange, die ein heimeliges Ambiente versprüht. »Die Gäste kommen quasi zu mir nach Hause«, schmunzelt Niemann. »Sie sitzen bei mir am Frühstückstisch, ob ich nun da bin oder nicht.«

Ein Hauch von Transsilvanien

Und so geht es weiter; der persönliche Touch zieht sich durchs ganze Haus. So haben die Niemann-Brüder die Zimmer und Studios nach Orten benannt, die in ihrem Leben eine Rolle spielten. Das mit 33 Quadratmetern größte Studio zum Beispiel ist Transsilvanien gewidmet; in Rumänien hatte Friedrich W. Niemann fünf Jahre verbracht; heute kauft er dort handbemaltes Keramikgeschirr für Mein.Lychen. Auch die Räume mit Namen »Mitteldeutschland«, »Schweiz«, »Amerika«, »Indien« und »Afrika« haben etwas zu erzählen.

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    Anpacker: Friedrich W. Niemann, Ex-Direktor des Waldorf Astoria

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    Es ist angerichtet: Drei Gänge zum Frühstück

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    Autobiografische Einrichtung: sechs Zimmer, sechs Länder

Welche Ideen jeweils dahinterstecken, erfahren die Gäste direkt nach dem Empfang, der im holzgetäfelten Jagdzimmer oder bei schönem Wetter im weitläufigen Garten bei einem Glas regionalen Apfelsecco stattfindet. »Bei uns wird jeder Gast persönlich begrüßt und durch das Haus geführt«, sagt Niemann. Im Normalfall übernimmt eine Mitarbeiterin die Gastgeberrolle. Dabei geht sie auf die Geschichte des Hauses und der Zimmer ein und erläutert die Abläufe – mal mehr, mal weniger umfangreich, je nachdem, wie es zeitlich passt oder mit welcher Erwartungshaltung die Gäste anreisen.

Diese »personifizierte Gastlichkeit« praktiziert auch der Hausherr, wenn er im Mein.Lychen vorbeischaut. Dann nimmt sich der Wahlberliner Zeit für seine Gäste, die ihn beim Möbelrestaurieren oder Rasenmähen erwischen und nach Restauranttipps fragen oder wissen möchten, wo sie in der Gegend gut Rad fahren, wandern oder paddeln können.

Medien lieben Geschichten

Neben dem Garten und der Werkstatt hat Niemann eine weitere Spielwiese: Öffentlichkeitsarbeit. »In so einem Haus haben Sie ja keine dicken Marketingbudgets«, gibt er zu bedenken. Deshalb setzt er vor allem auf die Zusammenarbeit mit einer PR-Agentur. »Public Relations spielt echt ’ne Rolle«, betont Niemann und erinnert sich an einen Coup, nachdem eine Lifestyle-Zeitschrift eine halbe Seite lang über Mein.Lychen berichtet hatte. »Darauf haben wir ’ne ganze Menge Buchungen bekommen.«

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Handarbeit auf Transsilvanisch: Souvenirs für ein Daheimgefühl

Schon zur Eröffnung hatte sich die Strategie ausgezahlt, lokale Medien sowie Fach- und Publikumspresse mit der Geschichte des weitgereisten Luxushoteliers zu versorgen, der ausgezogen war, um in der brandenburgischen Provinz ein Bed and Breakfast an den Start zu bringen – ein gefundenes Fressen für Journalisten. »Im Zeitalter des Storytellings wird so ein Thema sehr gern aufgegriffen«, weiß Niemann, der vielleicht auch aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrads reichlich Berichterstattung und somit kostenlose ­Publicity erntete.

Durchgängig individuelles Konzept

Highlights bei Instagram und Co.

Im Zeitalter von Social Media ist es dann nur noch folgerichtig, dass er die Berichte im Facebook-Account von Mein.Lychen und auf Instagram hochlädt. Niemann postet dort »alles, was bei uns schön ist und was man machen kann«: einladende Bilder aus dem Garten, von Wanderwegen und von Oscar, seinem Hund. Er teilt Links zu Artikeln über Lychen und die Uckermark, zu empfehlenswerten Cafés in der Nähe und Kommentare der Gäste.

Auch das kulinarische Frühstück – neben den hochwertigen Boxspring-­Doppelbetten zentraler Bestandteil des Konzepts – nimmt Niemann immer wieder auf und präsentiert appetitliche Fotos von Müslis, Eierspeisen und selbst gebackenem Kuchen. Das Konzept – drei verschiedene Gänge werden nacheinander serviert – hatte Niemann bei einem Aufenthalt in Südafrika entdeckt. Hin und wieder ist der Hausherr auch selbst auf den Bildern zu sehen, etwa wie er alte Stühle anmalt – wer weiß, wo die später einmal auftauchen.

Denn Niemann, der außerdem Partner einer Design- und Beratungsagentur ist, streckt bereits wieder seine Fühler aus. Die Bilanz nach gut einem Jahr Mein.Lychen spricht dafür: »Obwohl das Haus weder ein Schloss noch eine Villa und Lychen nicht Saint-Tropez ist, bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden.« Warum dann also nicht nach größeren Objekten Ausschau halten? Friedrich Niemann – »einmal Hotelier, immer Hotelier« – ist überzeugt: »Unser durchgängig individuelles Konzept funktioniert auch an anderen Standorten und ein, zwei Nummern größer.«