Titelbild für Artikel Gefühl statt Kalkül.
TEXT: Silke Becker · FOTOS: Janina Rahn

Gefühl statt Kalkül.

Porträt: Bodo Janssen, Upstalsboom.

Wertschätzung, Sinn, Respekt – so lautet das Erfolgsrezept, mit dem Bodo Janssen seine Upstalsboom-Häuser in immer neue Höhen führt. Bis es so weit war, ging der 42-Jährige durch eine harte Schule: Kidnapping, Insolvenz des Familienunternehmens, Unfalltod des Vaters und meistgehasste Person im ganzen Haus.

Warum?« Diese einfache, fast schon naive Frage ist es, die das Leben des Bodo Janssen bestimmt. Als Kind sieht er einfach nicht ein, warum er die Aufgaben so lösen soll, wie der Lehrer es will. »Ich war ein schlechter Schüler«, grinst der 42-Jährige. Immer wieder legt er sich mit Lehrern an, schafft erst mit zwanzig Jahren mit Mühe das Abitur. Nicht unbedingt zur Freude der Eltern, einer typischen Unternehmerfamilie, in der sich alles um die aktuellen Projekte des auf Hotels spezialisierten Bauträgers dreht. »Ich war das schwarze Schaf der Familie.«

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Durchblick statt
Party: Chef Janssen

Bodo Janssen

1974 geboren in Aurich

1994 Abitur, Studium Sinologie und BWL

1998 Bodo Janssen wird entführt und nach acht Tagen von der Polizei befreit.

2005 Einstieg ins elterliche Unternehmen

2007 Unfalltod des Vaters Werner Hermann Janssen

2010 Mitarbeiterbefragung mit einschneidenden Folgen

2013 Management des Hotels Meersinn auf Rügen, Human Resources Award, Querdenker-Award

2014 Top 5 im »Focus«-Ranking Bester Arbeitgeber Deutschlands, Top-Job-Award 2014

2015 Betrieb des Aparthotels Anna Düne auf Wangerooge, Querdenker-Award, Platz drei im »Focus«-Ranking Bester Arbeitgeber Deutschlands

2016 Platz eins im »Focus«-Ranking Bester Arbeitgeber Deutschlands

2018 geplante Neueröffnung Wellness-Resort Südstrand auf Föhr sowie Waterkant Suites in Börgerende bei Rostock

Danach studiert er in Hamburg Sinologie und BWL. Weniger aus Interesse, sondern weil die Abiturnoten für etwas anderes nicht gereicht haben. Auch als Student gehört Bodo Janssen nicht unbedingt zu den Überfliegern. »Ich konnte keinen Sinn in all diesen Theorien sehen.« Stattdessen macht der gut aussehende, sportliche Sonnyboy lieber Party. »Ich habe nur im Moment gelebt.« Seinen Lebensunterhalt finanziert der Millionärssohn aber selbst, als gefragtes Model und als Barkeeper in angesagten Szenebars.

Dann wird es zum ersten Mal ernst in diesem sorgenfreien Leben. Falsche Freunde locken den damals 24-Jährigen in einen Hinterhalt, erpressen von seinen Eltern drei Millionen Mark. Acht Tage lang wird er gefangen gehalten, tägliche Scheinhinrichtungen inklusive, bis die Polizei ihn befreien kann. »Ich hatte mit allem abgeschlossen, das hat mir im Rückblick eine große innere Freiheit geschenkt.« Danach geht das Leben noch wilder weiter, Bodo Janssen ist Stammgast auf VIP-Partys, trifft zahlreiche Prominente.

Pleite, Pech und Pannen

Statt weiter öde Theorien zu pauken, will Bodo Janssen nun Praxiserfahrungen sammeln, übernimmt eine marode Tennisanlage aus dem elterlichen Bestand. Er führt sie wieder in die schwarzen Zahlen, leitet wenig später noch eine zweite Anlage. Im Jahr 2001 dann, schnell und unerwartet, der Zusammenbruch des elterlichen Unternehmens: Das Hauptgeschäft, die Projektentwicklung und der Bau von Hotels, ist insolvent und wird abgewickelt. Der Familie bleibt nur noch die auf das Management der Häuser spezialisierte Upstalsboom GmbH & Co. KG, ursprünglich nur ein Nebengeschäft, um die Bauprojekte attraktiv für die Anleger zu machen.

Nichtsdestoweniger interessiert sich Bodo Janssen erst drei Jahre später zum ersten Mal in seinem Leben ernsthaft für das elterliche Geschäft. Bevor er 2005 endgültig bei Upstalsboom einsteigt, schaut er sich die Abläufe fast ein Jahr genau an. Was er sieht, gefällt ihm nicht. Unzufriedene Investoren, die immer mehr Geld fordern, Hotels, in denen überall gespart werden muss, um die viel zu hohen Ausschüttungen halbwegs zu finanzieren. »So machte es für mich überhaupt keinen Sinn.« Also schlägt er seinen Eltern vor, die Hotels vom »Joch der Shareholder« zu befreien und selbst zu übernehmen.

Wird alles gut?

Im Jahr 2007 kauft Upstalsboom das erste Haus, das Upstalsboom Seehotel auf der Insel Borkum, wenige Monate später der nächste Schock. Mit nur 65 Jahren stirbt der Vater bei einem Flugzeugunglück. »Der Leuchtturm, der ruhende Fels war plötzlich weg.« Ein herber Rückschlag nicht nur für die Familie, sondern auch für das Unternehmen. Was tun? Bodo Janssen hat keinen Abschluss, kein Geld, keine Ahnung. Sein Kapital: das Vertrauen seiner Mutter, seine Erfahrungen mit der Tennisanlage und, irgendwo tief in seinem Inneren, das Gefühl, dass am Ende irgendwie immer alles gut wird. »Sowohl die Entführung als auch ­meine Erfahrungen mit der Tennisanlage haben mir gezeigt, dass es im Leben immer weitergeht.« Fragt sich nur wie.

Die Lösung kommt in Gestalt des Branchenexperten Franz-Josef König daher. König präsentiert auf einer Veranstaltung ein neues Managementsystem für Jugendherbergen und Bodo Janssen ist begeistert. Fortan bestimmen Zahlen, Zahlen und noch mal Zahlen sein Leben. »Taskforces« aus der Zentrale schwärmen in die einzelnen Häuser aus, um dort »für Ordnung zu sorgen«. Umsätze, Buchungszahlen und Raten steigen, Upstalsboom ist wieder auf Wachstumskurs. »Ich fand mich toll.«

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Bodo Janssen: Früher Feind, heute Freund

Bitte einen anderen Chef!

Die Mitarbeiter sehen das jedoch ganz anders. Einen Krankenstand von mehr als acht Prozent, Kündigungen en ­masse, ein denkbar schlechter Ruf, kaum Bewerbungen. »Ich dachte, das liegt am Fachkräftemangel.« Ein neuer Personalchef, Bernd Gaukler vom Atlantic Kempinski Hamburg, soll die Mitarbeiter wieder »zum Laufen« bringen. Stattdessen präsentiert er seinem Chef die inzwischen legendären Ergebnisse einer Mitarbeiterbefragung, ein Schlag ins Gesicht des damals 36-jährigen erfolgsverwöhnten Unternehmers: Alle klagen über Stress und Druck, haben Angst vor der nächsten Pleite, das Gefühl, nur ein Befehlsempfänger zu sein, dessen Meinung nicht zählt. Kurzum: Die Mitarbeiter wollen einen anderen Chef.

Derart in die Enge getrieben, geht der ratlose Janssen erst mal ins Kloster. In Seminaren von Pater Anselm Grün denkt er darüber nach, was für ihn selbst im Leben wirklich wichtig ist. Dabei spielt seine Entführung eine große Rolle. »Damals habe ich erfahren, dass man mir alles nehmen kann, sogar das Leben. Doch wenn man einen Menschen glücklich macht, kann das niemand mehr zerstören.«

Wieder zurück im Unternehmen, tritt Janssen die Flucht nach vorn an. Schonungslos präsentiert er die wenig schmeichelhaften Befragungsergebnisse, ändert seinen Führungsstil radikal. Jetzt zählen Menschlichkeit statt Zielvorgaben, Wertschätzung statt Kommandoton, Selbstverantwortung statt strammer Hierarchien. Janssen bezahlt seine 635 Mitarbeiter gut, dazu kommen Leistungszulagen und überdurchschnittliche Sozialleistungen. Wer will, kann Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung belegen oder sich sozial engagieren. Bodo Janssen ermutigt alle, sich mit ihren Vorschlägen einzubringen. Er unterstützt Hilfsprojekte in Afrika, besteigt mit den Azubis den Kilimandscharo. Um Potenziale zu wecken und den Zusammenhalt zu fördern. »Das Unternehmen ist kein Selbstzweck, sondern dazu da, den Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen.«

Wenn man einen Menschen glücklich macht, kann das niemand mehr zerstören.

Ende gut, alles gut

Und plötzlich läuft’s: Nach Unternehmensangaben liegt die Fluktuation in vielen Hotels praktisch bei null, der Krankenstand weit unter drei Prozent, die Mitarbeiterzufriedenheit bei über achtzig Prozent. Das spüren auch die mehr als 400.000 Gäste, die die Drei- bis Fünf-Sterne-Häuser im letzten Jahr besuchten. Die Auslastung der zehn Upstalsboom-Hotels und sechzig Ferienwohnungsanlagen liegt bei rund siebzig Prozent, der Umsatz hat sich seit 2009 auf 44,6 Millionen Euro verdoppelt. Upstalsboom ist auf Wachstumskurs, hat in den letzten Jahren zusätzliche Häuser übernommen.

Für diese Leistung hagelt es Preise und Auszeichnungen, Bodo Janssen tingelt durch alle Medien und wird nicht müde, die »Wertschöpfung durch Wertschätzung« zu promoten. In diesem Sinn soll es auch in Zukunft weitergehen. Für 2018 plant er die Eröffnung des achtzig Millionen Euro teuren Wellness-Resorts Südstrand mit 144 Zimmern und 23 exklusiven Ferienapartments in Wyk auf Föhr. »Wir haben den Pitch gewonnen, weil der Investor besonders von unserer Unternehmenskultur begeistert war.«

Auch privat ist er ein anderer geworden. Luxus und Glamour interessieren ihn nicht mehr, die Familie wohnt in einem ganz normalen Haus, fährt Mittelklassewagen. Bodo Janssen zahlt sich selbst ein branchenübliches Gehalt, investiert sein Geld lieber in die Firma. Ehefrau Claudia (38) macht nicht auf reiche Unternehmergattin, sondern ist als Ärztin berufstätig. »Wir müssen uns nicht einschränken, wenn mir oder der Firma etwas passiert.«

Bodo Janssen verzichtet auf Alkohol, Kaffee, Süßigkeiten, Gluten, liebt das Angeln, gute Bücher und vor allem seine Familie. Sein Tag beginnt morgens um 4.30 Uhr mit Meditation, Fitnesstraining, grünem Tee. Anschließend frühstückt er mit Claudia und den drei Kindern. Um acht Uhr morgens ist er im Büro. An normalen Tagen versucht er, zum Abendessen zu Hause zu sein, spätestens um 21.30 Uhr liegt er im Bett. Und wenn er dann doch mal wieder abhebt, holt ihn seine Familie ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.