Titelbild für Artikel Die Seele Belfasts
TEXT Stefanie Bisping FOTOS Mariusz Smiejek

Die Seele Belfasts

Im historischen Unternehmenssitz der Werft Harland & Wolff haben Schiffsbauer einst Ozeanriesen wie die »Olympic«, die »Britannic« und die »Titanic« entworfen. Hier hat jetzt das Titanic Hotel Belfast eröffnet – der Stolz der ganzen Stadt. 

Das Titanic Hotel Belfast in Zahlen

Eröffnung: 10. September 2017
GM: Adrian McNally
Standort: Titanic Quarter, Queen’s ­Island, Belfast, fünf Autominuten vom George Best City Airport entfernt, 25 Minuten vom International Airport, zehn Gehminuten vom Zentrum
Kategorie: vier Sterne de luxe
Besonderheiten: Das Hotel befindet sich in den restaurierten Büros der Werft Harland & Wolff; gleich daneben lief 1911 die »Titanic« vom Stapel.
Mitarbeiter: 110
Zimmer: 119, davon 42 Suiten
Ausstattung: Zimmer: Highspeed-­Internet, 42-Zoll-Flachbildfernseher, Bade­mäntel und Hausschuhe, Tee- und Kaffeebereiter, 24-Stunden-Zimmer­service und Wäscheservice. Das Hotel besitzt sieben »Heritage Rooms« für Meetings und mit dem »Drawing Room One« einen Saal für 250 Personen.
Zimmerpreise: zwischen 140 und 490 britische Pfund
Auslastung: Noch hat McNally keine aussagefähigen Zahlen.
Gäste: vierzig Prozent Geschäftsreisende, sechzig Prozent Individualreisende
Ziele für 2018: Der Präsentationsraum, in dem einst potenziellen Käufern Zeichnungen und Modelle von Schiffen vorgeführt wurden, soll glanzvolle Kulisse für den Afternoon-Tea werden. Außerdem zielt McNally auf mehr Geschäftsreisende als Gäste.

Wie eine Insel liegt der Tresen in der Mitte der Titanic Bar. Verkleidet ist er mit 720 jener Fliesen, die einst auch den Pool und die Erste-Klasse-Bäder des berühmten Ozean­dampfers »Titanic« schmückten. Gefunden hatten Arbeiter die mehr als hundert Jahre alten Muster, als sie das einstige Hauptquartier der ehrwürdigen Werft Harland & Wolff nach langem Leerstand in ein Hotel zu verwandeln begannen.

»Das Titanic Belfast ist kein Museum, aber viel mehr als ein Hotel«, erklärt Adrian McNally, General Manager des im September eröffneten Hauses. Nicht nur, weil »Titanic«-Fans hier angesichts der vielen Erinnerungsstücke Herzrasen bekommen dürften. In jedem Winkel des Hauses ist jene maritime Geschichte Belfasts fassbar, die die Identität der Stadt stärker geprägt hat als die notorischen Unruhen der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre. Kein Unternehmen hat dieses Erbe mehr verkörpert als die im 19. Jahrhundert gegründete Werft Harland & Wolff.

Neben der glücklosen »Titanic« hat der einst weltgrößte Schiffsbauer mehr als 1700 weitere Schiffe hergestellt, von der Fähre bis zum Luxusliner. Sie war Stolz, Identitätsstifter und wichtigster Arbeitgeber der Stadt. Dieses Legat ist das Fundament des Hotels. »Die Wertschätzung der Vergangenheit sitzt tief in diesen Mauern«, sagt Hotelchef McNally. Und tatsächlich: Das helle Licht, das durch die Atelierfenster des weißen Kuppeldachs die heutige Bar flutet, nutzten einst die Werftzeichner im »Drawing Office Two« zur Konstruktion ihrer Schiffe. Im angrenzenden Fine-­Dining-Restaurant The Wolff Grill werden die Speisekarten in historischen Aktenschränken verwahrt, und die Mitte des Raums wird dominiert von einem echten Draughtsman’s Office: Dieses Büro eines früheren Zeichners grüßt heute als Separee mit elegant eingedecktem Tisch.

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    Stilecht: Draußen Werft, drinnen Art déco

  • 04 Mg 6050 Heller

    Auf historischem Fußboden: Viktorianisches Erbe

McNally ist drei Monate vor der Eröffnung an Bord der Titanic gegangen und ganz in seinem Element. »Es ist immer reizvoll, ein Hotel zu eröffnen«, erklärt er, »noch dazu eines, das den Menschen sehr am Herzen liegt.« Nach rund zwanzig Jahren in den USA, in Kenia und China ist der im nordirischen Armagh gebürtige Hotelier erst seit einigen Jahren wieder in seiner Heimat tätig. Im Lough Erne Resort in Enniskillen war er 2013 Gastgeber für den G‑8-Gipfel, bevor er das Fünf-Sterne-Haus Culloden in Belfast als GM zum Titel des besten Hotels in Nordirland führte. »Es hatte bereits alles, was ein sehr gutes Hotel braucht«, so McNally. »Ich musste im Team nur den Willen wecken, die Auszeichnung zu gewinnen.«

Auch im Titanic Belfast sieht sich der 47-Jährige ebenso als Manager wie als Motivator. »Unsere Mission und Vision ist es, den besten Service im ungewöhnlichsten Luxushotel Belfasts zu bieten.« Der historische Bau sei nicht nur ein Glücksfall, er bedeute auch besondere Verantwortung: »Es gibt in Belfast keinen ikonischeren Standort. Die Werft und die ›Titanic‹ sind untrennbar mit der Seele Belfasts verbunden. Man wird uns danach beurteilen, was wir aus dieser Neueröffnung machen und wie wir sie weiterentwickeln.«

Enger Kontakt zu seinen Gästen sei dabei von zentraler Bedeutung. »Hotels und Luxusservice sind nichts Statisches. Wir müssen unsere Arbeit beständig überprüfen und verbessern, um unsere Ziele zu realisieren.« Sein Team bespricht daher jeden einzelnen Gästekommentar, positiv oder negativ, und zieht aus jedem seine Schlüsse.

Eng mit dem Projekt verbunden ist auch die irische Inhaberfamilie Doherty. Das Portfolio ihres in Dublin ansässigen Immobilien- und Hotelunternehmens Harcourt bündelt sechs Hotels auf den Britischen Inseln und zwei in der Karibik. Ambitioniertestes Projekt der Firma aber ist das Titanic Quarter selbst: ein 75 Hektar großes Areal auf dem früheren Werftgelände, mit dem Harcourt das größte Vorhaben zur Wiederbelebung einer städtischen Hafenfläche in Europa realisiert hat. Herzstück ist das alle Rekorde brechende Museum Titanic Belfast, das wenige Schritte vom Hotel 38,5 Meter in die Höhe ragt – wie das Schiff, das einst gleich daneben zu Wasser gelassen wurde.

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    Originale: Bar-Fliesen wie im Titanic-Pool

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    Fotogalerie mit Schnörkeln: Porträts prominenter Passagiere

Von postindustrieller Ödnis zum dynamischen Viertel

Allein die Nachbarschaft dieses Besuchermagneten, der zugleich eine der größten Veranstaltungsflächen Belfasts ist, dürfte Auslastungssorgen für Adrian McNally zu einer rein theoretischen Überlegung machen. Zudem befinden sich im Titanic Quarter die Filmstudios, in denen die Spezialeffekte der Serie »Game of Thrones« entstehen, und die Büros von mehr als hundert Firmen.

Schwer vorstellbar daher, dass das Quarter noch vor zehn Jahren der womöglich trübste Teil Belfasts war. Wo die Werft in Hochzeiten 35.000 Arbeiter beschäftigt hatte, machte sich nach dem Niedergang der Schiffsbauindustrie Ödnis breit. Zwar übernimmt die Werft bis heute Reparaturaufträge. Doch das letzte Schiff lief 2003 vom Stapel, und das Hauptquartier stand schon seit 1989 leer.

Nichts zu sehen von einstiger Trübnis

Entsprechend hat die Wiedergeburt des Werftgeländes die ganze Stadt elektrisiert, die jeden einzelnen Schritt des 28 Millionen Pfund teuren Umbaus aufmerksam beobachtet hat. »Um als Hotel zu überzeugen, mussten wir den historischen Gebäudeteilen ihren ganzen Glanz zurückgeben«, erzählt McNally. Diesen Part hat John Paul Doherty übernommen, der Sohn des Harcourt-Gründers Pat Doherty. Als kreativer Kopf des Unternehmens verantwortet er das Design des Hotels. »Die viktorianischen Zeichensäle, von denen einer die Bar beherbergt und der andere unseren Ballsaal, sind die einzigen weltweit erhaltenen Beispiele für diesen Architekturstil«, sagt Doherty, und der Respekt in seiner Stimme ist unüberhörbar.

Versöhnung von Historie und Moderne

Das bedeutete, in allen Details so nah wie möglich am Original zu bleiben. Die Erinnerungsstücke reichen von den schmiedeeisernen Geländern im Treppenhaus über die Mahagoni-Drehtür der Lobby bis hin zu den Schiffshandbüchern und Notizbüchern von »Titanic«-Designer Thomas Andrews. Vieles war noch da, anderes trug Doherty mithilfe von Historikern und Sammlern zusammen. Was nicht überdauert hatte, erneuerte er originalgetreu – wie etwa die Böden, die er in viktorianischem Stil fliesen ließ.

Die öffentlichen Räume zieren Fotografien der Werft und ihrer Schiffe, die Porträts prominenter Passagiere, aber auch moderne Kunstwerke. Der Art-déco-Stil der Zimmer knüpft an die Ära der Ozeanriesen an. Die Schränke sind denen der ersten Klasse der »Titanic« nachgebildet, maritime Objekte wie Schiffslaternen setzen Akzente.

Die sieben historischen Büros der leitenden Angestellten im »Power Corridor« im Parterre sind heute nach einstigen Werftmanagern benannte Meetingräume: »Thomas Andrews’ Office« war so das Allerheiligste des Chefkonstrukteurs der »Titanic«, der mit ihr unterging. Schrank, Kamin und Fensterrahmen sind erhalten, wie Andrews sie im April 1912 zurückließ.

»Die Balance zwischen historischem Erbe und neuer Technologie war die größte Herausforderung«, sagt ­Adrian McNally, »da mussten wir tricksen.« Üppige Lüster tarnen Energiesparbirnen. Das Telegrafenamt in der Lobby, in dem die Meldung vom Verlust der »Titanic« einging, ist zwar erhalten. Doch heute verbreiten sich Nachrichten im Gebäude durch blitzschnelles WLAN.