Titelbild für Artikel Die Kontaktschmiede
TEXT: Jacqueline Brunsch | FOTOS: Julius Schrank

Die Kontaktschmiede

Co-Living als Konzept: Das Student Hotel Rotterdam bringt Studenten, Langzeit- und normale Gäste unter einem Dach zusammen. Das Haus sichert sich damit eine durchgängig hohe Auslastung. Und Durchreisenden, die Gesellschaft wünschen, verspricht es einfachen Anschluss in der Fremde.

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Thomas Kok: »Wir stellen Menschen einfach einander vor«

Mittwoch Abend, 19 Uhr: An der Tischtennisplatte im Student Hotel Rotterdam liefern sich zwei junge Leute ein Duell um die nächste Runde Kaltgetränke. Längst geklärt ist dieses Thema in der Lounge, wo eine Gruppe Männer auf quietschgelben Plüschsesseln über die Erlebnisse der letzten Tage quatscht. Das Besondere: Einer von ihnen ist Geschäftsmann mit Blazer und Krawatte, die anderen sind Studenten in Kapuzenshirts und Chucks. Während der Geschäftsmann morgen früh weiterziehen wird, bleiben die anderen für den Rest des Semesters. »So läuft es hier fast jeden Tag«, erklärt Hotelmanager Thomas Kok. »Die Hotelgäste kommen und gehen. Trotzdem klappt es mit dem Austausch zu unseren Langzeitgästen ganz gut, nicht selten entstehen Freundschaften.«

Mit diesem Austausch und dem Aufeinandertreffen verschiedener Gästegruppen will sich das Student Hotel Rotterdam von anderen Häusern abheben – Hotels ebenso wie Studentenwohnungen. Denn trotz seines eindeutigen Namens und 85 Prozent studentischer Semestermieter heißt das 485-Zimmer-Haus auch normale Hotelgäste willkommen.

Modernes Hybridmodell

Je nach Nutzungsart sind die Zimmer dabei unterschiedlich eingerichtet und designt. Während die 23 bis 30 Quadratmeter großen Schlafdomizile für Hotelgäste zusätzlich zur Drei-Sterne-Standardeinrichtung teilweise auch über kleine Wohnküchen verfügen, beschränkt sich die Einrichtung der 406 Studentenzimmer und vierzig Räume für Langzeitgäste auf Doppelbett, TV und Arbeitstisch. Ausgenommen sind die Suite-Kategorien, die ebenfalls eine Wohnküche bieten. »Durch die puristische Ausstattung ist es für die Langzeitgäste einfacher, sich ihren Raum nach ihrem persönlichen Geschmack zu gestalten«, erklärt GM Kok.

Dass auch die »Studentenzimmer« mit einem eigenen Bad ausgestattet sind, hat den wesentlichen Vorteil, dass sie theoretisch auch an normale Übernachtungsgäste vergeben werden können. Eine Option, die vor allem während der Semesterferien greift: »Ende Juni laufen die Verträge mit den Studenten aus, sodass die Zimmer im Juli und August normalen Gästen angeboten werden können«, erklärt Hotelmanager Kok das Konzept seiner Hybridherberge. In diesen zwei Monaten steigt die Zahl normaler Hotelgäste im ganzen Haus dann von sonst durchschnittlich sieben auf siebzig Prozent. An dieser Quote soll sich auch zukünftig nichts ändern.

Und die Hybridherberge ist nicht nur in Bezug auf ihre Gästetypen flexibel. Im Grunde wird die komplette Servicepalette in Form bestellbarer Zusatzdienste für alle Langzeitbewohner individuell angepasst. Ein Beispiel: Während die Zimmerreinigung für normale Hotelgäste natürlich inklusive ist, steht es Langzeitgästen und Studenten frei, ob sie diese Dienstleistung hinzubuchen möchten oder nicht. »Studentenzimmer mit optionalem Hotelluxus«, nennt Kok das. Die Vision dahinter: Jeder Gast kann für sich selbst entscheiden, wie viel Service er in Anspruch nehmen möchte. »Wir verschmelzen luxuriöse Studenten- und Langzeitunterkünfte mit den Angeboten und Annehmlichkeiten eines modern-legeren Hotels.«

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Sprichwörtlich: "Gleich und gleich gesellt sich gern"

Wir sind alle Studenten des Lebens.

Co-Living statt Parallelgesellschaft

Dass Gäste überzeugt sind, im Student Hotel Rotterdam einfacher Anschluss zu finden, kommt nicht von ungefähr. »Wir sind der Meinung, dass wir alle Studenten sind«, sagt Kok, »Studenten des Lebens.« Ganz oben auf seiner Prioritätenliste: »Wir wollen, dass sich alle Gruppen treffen, verschiedene Welten entdecken, Ideen teilen und miteinander leben.«

Zahlreiche Aufenthaltsbereiche sollen dieses Co-Living-Prinzip bewusst befeuern. Neben modern designten und im Industrial Look gestalteten Lounge- und Game-Zonen sowie einem Fitnessstudio finden sich im Erdgeschoss des ehemaligen Bürogebäudes auch eine Bibliothek und viele Lern- und Arbeitszonen mit großen Gruppentischen und diversen Einzelplätzen. »Dort feilen Studenten an Hausarbeiten oder Semesterprojekten und Geschäftsreisende an Präsentationen«, so der studierte Hotel- und Hospitality-Manager. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: »Vielleicht helfen sich manche ja auch gegenseitig.«

Doch auch außerhalb der sogenannten Study- und Working-Räume wird viel dafür getan, dass sich Gäste begegnen. »Notfalls helfen wir auch ein wenig nach«, sagt der Hotelchef und muss schmunzeln, dann fügt er hinzu: »Wir organisieren Events wie Pokernächte und Pizzaabende oder stellen Menschen auch einfach mal einander vor.« Ein lockerer Umgangston zwischen Mitarbeitern und Bewohnern helfe bei der Vermittlung von ­Kontakten ­natürlich ebenso wie die Tatsache, dass Interaktion mit den Gästen unbedingt gewollt ist – sei es bei einer Partie Tischtennis oder am Kickertisch. Oder auch mal bei einem Bier an der Bar. »Wir sind kein Hilton, aber wir bieten eine ungezwungene Atmosphäre, die es Menschen leicht ermöglicht, miteinander ins Gespräch zu kommen.«

Das Student Hotel
Rotterdam in Zahlen


Eröffnung: 2012

GM: Thomas Kok seit März 2014

Standort: Willem Ruyslaan 225, 3063 ER Rotterdam. Das ­Student Hotel liegt direkt im Studentenviertel Kralingen neben Bars und ­Cafés. Mit der Bahn dauert die Fahrt vom Hauptbahnhof 13 Minuten, die Linien 21 und 24 halten vor der Tür. Die Erasmus-Universität ist per Rad in 15 Minuten zu erreichen.

Kategorie: drei Sterne

Besonderheiten: Spezielle Pakete für Studenten und Langzeitgäste, zum Beispiel Meal Plans (zehn Gerichte für 90 Euro, 15 für 127 Euro, 20 für 165 Euro); Küchensets für 49 Euro, Bettwäschesets für 59 Euro pro Semester oder Reinigungspakete für 11 Euro pro Woche.

Mitarbeiter: zwanzig Mitarbeiter

Ausstattung: Zimmer: Flachbild-TV, Doppelbett, Klimaanlage, freier Internetzugang, Arbeitsplatz und alle Suite-Varianten mit kleiner Wohnküche. Bei Studentenzimmern ist das Leihrad inklusive. Das Hotel verfügt über ein Restaurant, 35 Gemeinschaftsküchen, ein Fitnessstudio, ein Lesezimmer, Working-/Study-Spaces sowie eine Spielzone mit Billard, Tischtennisplatte und Tischkicker. Ein 377 Quadratmeter großes Klassenzimmer kann für Tagungen gebucht werden. Leihräder zur Miete. Stellplätze im Keller.

Zimmerpreise: Hotelgäste zahlen für ein Doppelzimmer ab 80,10 Euro (superior) pro Tag. Die Super-Suite-Variante für normale Bucher gibt es ab 89,10 Euro. Studenten zahlen für ihre Zimmer, die in anderen Stockwerken und Bereichen des Hauses untergebracht sind, einen monatlichen Fixbetrag (ab 695 Euro für ein Standardzimmer mit Gemeinschaftsküche und 1050 Euro für die Super-Suite mit Privatküche).

Auslastung: rund neunzig Prozent

Gäste: 85 Prozent Studenten, die ein oder zwei Semester bleiben; sieben Prozent normale Hotelgäste (3,5 Prozent Geschäftsreisende, 3,5 Prozent Individualreisende), die das Hotel unter anderem über Online-Buchungsportale finden; acht Prozent Langzeitgäste (zwischen zwei Wochen und einem Jahr). Während der Semesterferien: siebzig Prozent normale Hotelgäste.

Ziel 2017: »Wir wollen dieses Jahr unsere Aufenthaltsbereiche renovieren.« (Thomas Kok)

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Vom Startprojekt zur Hotelgruppe

Das Konzept funktioniert: Neunzig Prozent beträgt die Auslastungsrate seit der Eröffnung 2012. Das dürfte auch Student-Hotel-Gründer Charlie MacGregor freuen. Der Sohn einer schottischen Unternehmerfamilie, die einst Studentenunterkünfte für die Universität Edinburgh baute, hatte den richtigen Riecher, als er nach seiner Ankunft in den Niederlanden im Jahr 2005 entschied, dass Schluss sein müsse mit dem Einheitsbrei und der Tristesse in Studentenwohnheimen. »Der Mangel an Seele, an Persönlichkeit, an Design und der Mangel an Mühe – ich wusste, dass ich es anders machen wollte«, erzählt der smarte Geschäftsmann noch immer sichtlich stolz.

Das sollten auch die Mütter und Väter der Studenten erleben. Deshalb hielt MacGregor Zimmer für die Erwachsenen bereit und schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens sahen sie ihre Kinder an diesem Ort gut aufgehoben. »Und zweitens wusste ich, dass viele Studenten dieses Erlebnis – den Auszug von zu Hause, oftmals verbunden mit einem Umzug in eine andere Stadt – mit ihren Eltern teilen wollten. Es freut uns natürlich zu sehen, dass nicht nur Mütter und Väter den Studentenspirit in unseren Häusern mögen, sondern auch Geschäftsleute, Privatreisende und Familien.«

Mittlerweile sind die Student Hotels mit diesem Spirit zu einer Hotelgruppe gewachsen: Neben dem Startprojekt in Rotterdam gibt es fünf weitere Häuser, die mit Amsterdam (zwei Hotels), Den Haag, Eindhoven und Groningen quer durch die Niederlande verteilt sind. Im Sommer sollen mit Maastricht und Florenz zwei weitere Hotels hinzukommen. Unter dem Titel »Melon District« wurden außerdem Häuser in Paris und in Barcelona eröffnet. Highlight aus deutscher Sicht wird ab 2019 ein Student Hotel in Berlin sein – unweit des Alexanderplatzes und mit 457 Zimmern.

Eine Kleinigkeit haben alle Schlafräume übrigens noch gemein: »In jedem Zimmer liegt ein Gratiskondom«, plaudert Kok. Auch das passt ja irgendwie zum Leitsatz der Vermischung der Gästegruppen. Der Holländer zuckt lachend mit den Schultern. »Wir nehmen uns eben selbst nicht ganz so ernst. Dann haben auch unsere Gäste eine bessere Zeit.«