Titelbild für Artikel Der Visionär und  sein Brauhaus.
TEXT: Stefanie Bisping · FOTOS: Factory Hotel

Der Visionär und sein Brauhaus.

Eierlegende Wollmilchsau? Genau so ein Hotel sollte die Factory nicht werden.

Wenn Quereinsteiger ein Hotel eröffnen, gehen sie oft spannende neue Wege. So wie David Deilmann in Münster, der die einzelnen Abteilungen seines Designhotels Factory streng getrennt organisiert hat und von eigenen Spezialisten führen lässt. Der Erfolg gibt ihm recht: Längst bildet sein Haus das Zentrum eines hippen Trend-Campus.

Einmal schrieb ein Gast auf einer Bewertungsplattform: Tolles Hotel, aber zum Essen war ich bei dem richtig guten Spanier um die Ecke«, erzählt David Deilmann, Inhaber und Geschäftsführer des Factory Hotels in Münster. Deilmann lacht noch bei der Erinnerung. Dass es sich bei dem tollen Restaurant um ein gastronomisches Outlet des Hotels handelte, war dem Gast nicht aufgefallen. Das bedeutete: Experiment geglückt.

Als Quereinsteiger David Deilmann seine Idee für ein Hotelkonzept mit den fünf Säulen Schlafen, Essen, Treffen, Ausgehen und Tanzen entwickelte, wusste er vor allem, was er nicht wollte: ein Hotel, das all dies bietet, aber nichts hundertprozentig macht. »Die Vorstellung, dass das Ganze so wirken könnte wie ein Pizzadienst, der nebenbei auch Döner, Burger und Steaks liefert, fand ich furchtbar.« Also konzipierte er das Ende 2008 eröffnete Factory Hotel von Beginn an so, dass die fünf Unternehmensbereiche – griffig als »Sleep, Eat, Meet, Drink, Dance« zusammengefasst – auch unabhängig voneinander funktionieren und jeweils von Spezialisten geführt werden.

Deilmann selbst ist von Haus aus branchenfremd. Der gebürtige Münsteraner, der seine Jugend in Schleswig-Holstein verbrachte, studierte in Berlin Kommunikationswissenschaften. Nach dem Abschluss kehrte er 2005 in seine Heimatstadt zurück. »Ich wollte eigentlich nur meine Sachen unterstellen«, erzählt der 38-Jährige. Es kam anders.

03 David Deilmann

David Deilmann: Quereinsteiger mit Visionen

Während der Bewerbungsphase half er seinem Vater Andreas Deilmann, einem Architekten und Projektentwickler. Der hatte gerade den Campus der ehemaligen Germania-Brauerei übernommen. Einst einer der größten Arbeitgeber in Münster, stand die 1984 geschlossene Brauerei bereits seit 2001 leer. Zuvor waren hier ein Erlebnisbad und eine unter den Studenten der Stadt legendäre Disco mit Konzertbühne ansässig. Was nun aus den denkmalgeschützten Gebäuden werden sollte, verfolgten die traditionsbewussten Münsteraner mit wachsamem Interesse.

Vision: ein Lifestyle-Viertel in historischen Mauern

David Deilmann sah das Potenzial der Immobilie und beschloss, das Marketing für die alte Brauerei zu übernehmen. Seine Vision: ein Lifestyle-­Viertel, in dem die Geschichte der Gebäude lebendig bleiben würde. Mit Fingerspitzengefühl machte er sich an die Arbeit: »Mir war klar, dass man hier nicht einfach ein paar Bürocontainer für die potenziellen Mieter aufstellen konnte.« Stattdessen wollte er eine Location schaffen, in der er Interessenten angemessen empfangen konnte. »Also eröffneten wir im Mai 2006 die erste Gastronomie auf dem Gelände: den Dininghof, ein Restaurant mit kleiner Jazzbar in der alten Remise.«

Und weil er damit ganz in seinem Element war, öffnete Deilmann im Jahr darauf das Café Fyal in der Innenstadt. Geplant war es als Pop-up zur internationalen Ausstellung »Skulptur Projekte«, die alle zehn Jahre in Münster stattfindet. Das Konzept des Szenelokals aus Kunst und Musik einerseits und kreativen Gerichten und Getränken andererseits fand jedoch so viel Anklang, dass es nach dem Ende der Ausstellung bestehen blieb. Und auch David Deilmann wusste da längst, dass er weitermachen wollte – am Ort und in der Branche. Nun aber als Mieter in der Immobilie seines Vaters. Sein Plan: Er würde ein Designhotel für das zu entwickelnde Lifestyle-Viertel schaffen, in dessen Restaurants sich Hotelgäste genauso wohlfühlen wie die Münsteraner selbst – ein Schmelztiegel für Studenten und Alteingesessene, Touristen und Geschäftsreisende.

Ein Schmelztiegel für Studenten und Alteingesessene, Touristen und Geschäftsreisende.

Um die Einheimischen aus Münsters attraktivem Zentrum zu locken, musste Deilmann Anreize schaffen. So haben die Restaurants EAT, das La Tapia und die Mole sowie die Bar Tide nicht nur völlig unterschiedliche Küchen und Interieurs, sie besitzen auch externe Zugänge. Sie sollen Gästen, die nicht im Hotel wohnen, den Gang durch die Lobby ersparen und Schwellenängste gar nicht erst aufkommen lassen. Den Rest erledigt die Vielseitigkeit der Restaurants. Das zweigeschossige, im Finca-Stil eingerichtete La Tapia bietet spanische Gerichte. Die erst im vergangenen Dezember hinzugekommene Mole präsentiert sich als lässige Kneipe mit Kombüse. Auf der Karte stehen vor allem Fisch und Meeresfrüchte. Auch für die Mole gilt: keine halben Sachen. Zwei Seecontainer ließ Deilmann aus dem Hamburger Hafen kommen und in seine Seefahrerkneipe einpassen, um authentisches Flair herzustellen.

  • 03 Eingang reduziert

    Überholspur: Neuer Schwung in alter Brauerei

  • 03 Hotel-oebergang

    Fünf Säulen: von feiern bis schlafen

  • 03 Hotel-Lobby

    Kunst im Bau: Lobby oder Museum?

  • 03 Zimmer-Bett gr

    Keine Schlaffabrik:
    Minimalismus und Farbakzente

  • 03 EAT-Tageslicht
  • 03 U2N6248

    Lokalkolorit: zu Tisch mit Hotelgästen und Münsteranern

Das »Factory Hotel« in Zahlen

Eröffnung: Ende 2008

GM: seit 2015 Oliver Beigel

Standort: An der Germania Brauerei 5, 48159 Münster. Im Germania-Campus am nördlichen Stadtrand (Grevener Straße) zwischen Technologiepark Münster und Stadtpark Wienburg; 15 Minuten vom Bahnhof

Kategorie: Das Hotel ist bewusst unkategorisiert; der Titel Design­hotel soll für sich sprechen.

Besonderheiten: Das Designhotel in den denkmalgeschützten Gebäuden der ehemaligen Germania-Brauerei will neben Hotelgästen auch Einheimische begrüßen. Daher haben Res­taurants und Bar jeweils externe Eingänge.

Mitarbeiter: siebzig Mitarbeiter plus Azubis und Aushilfen

Zimmer: 144 Zimmer, davon 16 Suiten

Ausstattung: Zimmer: Flachbildfernseher, Internetzugang, Balkon, Arbeitsbereich, Ganzkörperspiegel, Safe, ebenerdiges Duschbad. Das Hotel verfügt über drei Restaurants, eine Bar und acht Tagungsräume (42 bis 200 Quadratmeter) sowie die 540 Quadratmeter große Veranstaltungshalle Cloud. Tiefgaragenstellplätze gegen Gebühr, Leihräder zur Miete. Hotelgäste können ein benachbartes Fitnessstudios mit Pool nutzen.

Zimmerpreise: DZ ab 99 Euro, Suite ab 149 Euro

Auslastung: 73 Prozent

Gäste: siebzig bis achtzig Prozent Geschäftsreisende, zwanzig bis dreißig Prozent Individualreisende

Ziel für 2016/17: Inhaber Deilmann: »Derzeit überlegen wir, ob wir das Hauptrestaurant EAT nur renovieren oder auch umgestalten – wenn nichts anderes anliegt, zu Beginn des nächsten Jahres.«

Industrieästhetik und minimalistisches Design

Sein Plan geht auf. »Sechzig Prozent unserer Gäste im La Tapia sind Münsteraner«, erklärt Deilmann nicht ohne Stolz. »Das EAT, in dem die Hotelgäste frühstücken, wird noch am ehesten als Hotelrestaurant verstanden. Dort liegt die Zahl externer Gäste nur bei etwa dreißig Prozent.«

Für das Hotel selbst setzte er auf eine starke Optik: Schon von Beginn an hatte Deilmann das Haus als Design Hotel™ konzipiert. Unter diesem Markennamen vermarktet sich eine Kollektion von knapp 300 inhabergeführten Hotels weltweit. »Ich wusste, dass das kein Selbstläufer ist, dass man ein stimmiges Konzept braucht. Schon in der Planungsphase haben wir deshalb den Kontakt zu den Design Hotels™ gesucht und immer wieder Gespräche geführt.« Die fabrikartige Architektur der Brauereigebäude gab dem Hotel nicht nur seinen Namen, sie wies auch ästhetisch den Weg. Deilmann: »Mich interessierten das Spannungsfeld von Tradition und Moderne und die Verbindung der alten Brauereiarchitektur mit Design.«

Klinker und Stahlträger der über hundert Jahre alten Gebäude wurden freigelegt. Die historische Bausubstanz bildet einen starken Kon­trast zum rohen Sichtbeton der neu gebauten Elemente. Fürs Interieur investierte Deilmann in Kunst. Der Bildhauer Tobias Rehberger fertigte das Hauptkunstwerk für die Lobby an. Auch die übrigen Räume prägen die Arbeiten zeitgenössischer, auch junger Künstler.

Aus Zimmern und Suiten ist die Historie indessen verbannt. Sie prägt minimalistisches, modernes Design: Verzicht auf jeden Schnickschnack, stattdessen klare Linien, viel Tageslicht und sparsame Farbakzente durch frische Blumen und Sitzsäcke in Signalfarben. Mit hochwertigen Textilien aus der Farbpalette Weiß bis Natur und State-of-the-Art-Technologie sollen die Interieurs dennoch Wohlfühlatmosphäre schaffen.

Mission erfüllt

Und das Dance? Ab 2009 gehörte auch ein kleiner Club zum Portfolio des Factory Hotels. 2013 schloss Deilmann ihn, die (Jazz-)Musik spielt heute einmal im Monat in der Bar Tide. Das passe besser. Der Unternehmensbereich Dance steht heute für die 40 bis 45 Hochzeiten, die jedes Jahr im Factory Hotel gefeiert werden.

Denn der Germania-Campus ist zur trendigen, attraktiven Location geworden. Aus den Brauereiquellen speist sich heute der idyllische See, auf den die Gäste von der Terrasse des EAT blicken. Im Umfeld des Factory Hotels haben sich Restaurants, Geschäfte, Wohnungen und nicht zuletzt das für Hotelgäste kostenlos nutzbare Fitnessstudio mit Schwimmbad und Wellnessbereich angesiedelt. Die verlassene Brauerei ist heute wieder voller Leben.