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TEXT Silke Becker

Der stille Macher

Leonardo ist auf Expansionskurs – doch dahinter steht kein knallhartes, aggressives Alphatier, sondern jemand, der sich selbst gar nicht so wichtig nimmt. Daniel Roger führt das Europageschäft der israelischen Fattal Hotel Group lieber leise zum Erfolg.

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Vermehrungsstratege: In nur zwölf Jahren von einem auf 130 Hotels

Er wirkt sehr sanft, spricht mit leiser Stimme, ist extrem höflich – kaum zu glauben, dass dieser ruhige, unaufgeregte Mann dafür verantwortlich ist, dass Leonardo jedes Jahr neue Umsatzrekorde erreicht. Gestartet mit einem einzigen Hotel in Berlin, baute Daniel Roger innerhalb von nur zwölf Jahren eine Gruppe mit mehr als 130 Häusern an über 75 Destinationen auf. Seine über 5000 Mitarbeiter erwirtschaften 2017 rund 365 Millionen Euro Umsatz. Wie er das geschafft hat? »Ich habe gute Leute«, sagt er bescheiden. Daniel Roger will keine Jasager, sondern »Persönlichkeiten, von denen ich etwas lernen kann«. Er glaubt, dass »Leute, die stark in ihrem Bereich sind, selbst auch wieder starke Mitarbeiter einstellen«. 

Auf ein Neues – jederzeit!

Daniel Roger hat Spaß daran, Neues zu lernen, er hat keine Angst vor Veränderungen und kann sich blitzschnell auf neue Situationen einstellen. Das hat er sein Leben lang getan, und genau das ist das Geheimnis seines Erfolges. Nach dem Abitur – »ich wusste nicht, was ich werden wollte« – entschieden die Eltern, dass er eine Ausbildung in der Hotellerie absolvieren sollte. Obwohl der gebürtige Chilene nur Spanisch und Schulenglisch sprach, schickten seine Eltern ihn zunächst in die damals sehr renommierte, inzwischen geschlossene Hotelfachschule Dr. Speiser (Hofa) am Tegernsee und später auf die Ecole hôtelière de Lausanne. »Ich musste erst einmal Deutsch lernen, das war etwas schwierig.« 

Sein erster Job führte ihn an die Rezeption eines spanischen Ferienhotels, später arbeitete er in verschiedenen Häusern in der Schweiz und in England. »Die Hotellerie hat mir Spaß gemacht, da war kein Tag wie der andere.« Überall fand der charmante junge Mann leicht Anschluss, sprach nach kurzer Zeit fließend Deutsch, Italienisch, Französisch und natürlich Englisch und Spanisch. 

Spontaner Umzug nach Israel

Dann, im Februar 1970, besuchte der inzwischen 24-Jährige seine Eltern, die in der Zwischenzeit nach Israel ausgewandert waren. »Sonne, viele junge Leute, hübsche Frauen – ich wollte gar nicht zurück in den englischen Nieselregen.« Spontan bewarb er sich im Accadia, damals ein Familienhotel in der Nähe von Tel Aviv, heute ein Luxushaus der Dan-Kette. Gleich am nächsten Tag konnte er anfangen, obwohl er kein Wort Hebräisch sprach. »Die Gäste waren Ausländer, man brauchte Leute mit europäischer Erfahrung und Fremdsprachenkenntnissen.« 

Klar, dass Sprachtalent Daniel Roger schon nach kurzer Zeit auch das Hebräische fließend beherrschte. »Vormittags habe ich die Sprache gelernt, danach viel gearbeitet.« In dieser Zeit gründete Daniel Roger eine Familie und wurde sesshaft. 

In den folgenden Jahren macht er Karriere, leitete bald zunächst kleinere, später auch größere Häuser. »Es war die Anfangszeit des Tourismus in Israel. Das Personal war unerfahren, die Fluktuation hoch und die Arbeit im Hotel galt nicht als ›richtiger‹ Beruf«, erinnert er sich. Schnell lernt Roger, wie man Mitarbeiter führt und sie »davon überzeugt, zu bleiben und dass es in der Hotellerie eine gute Zukunft gibt«. 

Im Jahr 1985, Daniel Roger ist knapp vierzig Jahre alt, wechselt er ins brandneue Isrotel King Solomon nach Eilat am Roten Meer. Der Badeort will den Wintertourismus für europäische Gäste aufbauen, denen es im Sommer einfach zu heiß war. Innerhalb von gut 15 Jahren entwickelt er für den britischen Besitzer aus zwei Häusern eine Kette mit damals zehn Häusern, »das war groß in diesem kleinen Land«. Um die Jahrtausendwende wurde die politische Situation in Israel jedoch immer gefährlicher, »es kamen kaum noch Touristen«. 

Zurück nach Europa

Kurzerhand sucht sich der gut vernetzte 56-Jährige einen anderen Job und fängt 2002 ein neues Leben in Prag an. »Ich war stark im Marketing, und das war dort das Manko.« Daniel Roger erkennt früh die Chancen der damals neuen Online-Buchungsportale: »Die Fluggesellschaften machten es vor und ich dachte, dass dies auch für die Hotellerie die Zukunft ist.« Als viele in der Branche das Wort Internet kaum buchstabieren konnten, führte der frischgebackene Direktor die neue Technologie bereits ein und damit das Hotel Duo Prag zum Erfolg. 

Neu durchstarten mit sechzig Jahren

Drei Jahre später klingelt sein Telefon – am anderen Ende David Fattal, ein alter Kollege und guter Freund aus Israel, der ihm die Leitung eines Hauses in Berlin anbietet. »Ich wusste, dass wird der Anfang von etwas Großem.« Schließlich hat Fattal bereits innerhalb weniger Jahren in Israel die seit Kurzem börsennotierte Fattal Hotel Group mit heute 41 Häusern aufgebaut und wollte nun nach Europa expandieren. 

Obwohl mittlerweile sechzig Jahre alt, nimmt Daniel Roger die Herausforderung an und wechselt 2006 nach Berlin. Schon im ersten Jahr erweitert er das Portfolio um fünf neue Häuser, eines davon ein Mercure in Hamburg. »Als ich sah, wie viel Franchisegebühren wir zahlen mussten, dachte ich, wir investieren das Geld lieber in eine eigene Marke.« Die Idee zu Leonardo war geboren. »Eine völlig neue Marke aufzubauen, das ist das schwerste. Ich wollte den Erfolg.« 

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Marketingprofi: Früher Erfolg auf Online-Buchungsportalen

Rasante Expansion

Leonardo Hotels setzen auf zentrale, gut geführte Stadthotels im Drei- bis Vier-Sterne-plus-Segment mit einem soliden Preis-Leistungs-Verhältnis, angenehmer Wohlfühlatmosphäre und einem einheitlichen Designkonzept. »Der Kunde erwartet Wiedererkennbarkeit.« Das unterstützt Leonardo derzeit mit einer großen Markenkampagne unter dem Motto »Good to be here again«.

Bei der Expansion drückt Roger aufs Tempo. Neue Häuser werden innerhalb eines Monats im Leonardo-Stil umgebaut. Überall legt er besonderen Wert auf äußerst freundliches Personal und ein für die jeweilige Klasse überdurchschnittlich gutes Frühstücksbuffet. »Wir wollen zufriedene Gäste.« Akribisch wertet man bei Leonardo das Feedback auf den Buchungsportalen und in Social Media aus. »Heute ist über das Internet alles sehr transparent, und wir möchten aus Fehlern lernen.« 

Besonders stolz ist Daniel Roger auf die vor sechs Jahren gegründete Leonardo-Academy, in der Nachwuchskräfte mit einem zweijährigen Training auf Führungspositionen vorbereitet werden: »Junge Leute wollen und brauchen Perspektiven.« Die Zukunft der Hotellerie sieht Daniel Roger positiv – jedenfalls solange die Flugpreise bezahlbar bleiben. »Die Leute reisen immer mehr und wissen, was sie für ihr Geld verlangen können.« 

Daniel Roger

1946 geboren in Valparaíso (Chile) 

1964 – 1966 Ausbildung an der Hotelfachschule Dr. Speiser (Tegernsee) und der Ecole hôtelière de Lausanne (Schweiz)

1966 – 1970 Erste Berufsjahre in England, Spanien und der Schweiz

1970 – 1985 Einstieg als »Assistent des Direktors« im Accadia bei Tel Aviv (Israel), danach leitende Stellungen in verschiedenen Häusern 

1985 – 2001 Hoteldirektor King Solomon, Eilat am Roten Meer (Israel)

2002 – 2005 Hoteldirektor Duo in Prag (Tschechische Republik)

Seit 2006 Leitung der Leonardo Hotel Group, seit 1. Januar 2018 als Managing Director Fattal Hotels Europe & UK 

Daniel Roger will das Qualitätsversprechen einer soliden, gut eingeführten Marke mit Lifestyle-Konzepten für unterschiedliche Zielgruppen verknüpfen. Deshalb erweitert er die Leonardo Markenwelt um die exklusiveren Leonardo Royal Hotels mit Vier-Sterne-plus-Standard, die Leonardo Boutique Hotels mit gehobenem Design sowie die von Künstlern der Region individuell gestalteten Nyx Hotels by Leonardo Hotels. 

Seine Zahlen kennt Daniel Roger aus dem Effeff, am liebsten hat er »wegen der Kosten- und Mengenvorteile« gleich mehrere Häuser in einer Stadt. »Kleinere Häuser werden es in Zukunft mit der Vermarktung immer schwerer haben.« Deshalb will er den rasanten Expansionskurs auch in den nächsten Jahren weiter fortsetzen. In diesem Jahr gab es bereits drei Neueröffnungen, weitere sind geplant; bis 2021 sollen zusätzlich zehn Häuser hinzukommen. 

Inzwischen lebt der Weltenbummler in London, hätte dort alle Möglichkeiten, mit Ehefrau Yaffa viel Zeit bei Pferderennen zu verbringen, neben klassischer Musik eine Leidenschaft des Paares. Doch einen Rückzug aus der Hotellerie, die sein Leben seit über fünfzig Jahren prägt, kann sich der 72-Jährige einfach nicht vorstellen. »Ich wüsste gar nicht, was ich im Ruhestand den ganzen Tag lang machen sollte.«