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TEXT Astrid Schwamberger FOTOS Manuel Hauptmannl

Der Gerd, die Magie und das Schloss

Mit tollkühnen Ideen hat Gerd Ripp das Romantik Hotel Schloss Rheinfels in St. Goar zu einem der besten Tagungshotels in Deutschland gemacht. Dass es dazu kommen konnte, hat der Tagungshotelier des Jahres 2017 dem ein oder anderen Zufall zu verdanken – und sicherlich auch seinem Temperament.

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Das gibt’s doch gar nicht! Wie macht er das bloß? Solche Gedanken schwirren wohl jedem durch den Kopf, der Gerd Ripp beim Zaubern zuschaut: Mit verschmitzter Miene stopft der Hausherr des Romantik Hotels Schloss Rheinfels ein rotes Seidentüchlein in seine Faust, öffnet sie – das Tuch ist weg. Na so was! Diesen Klassiker und weitere Tricks hat er bereits in jungen Jahren gelernt von einem Berufszauberer, der damals Gast war in jenem Hotel in Düren, in dem der Junge aus Kerpen seine Kellnerlehre absolvierte. »Seitdem bin ich dabei, das hat mich nicht mehr losgelassen«, grinst Ripp. Sogar in den ehrwürdigen Magischen Zirkel trat er später ein, schrieb ein Buch über Zaubertricks für Trainer und gab entsprechende Seminare. Das ein oder andere Kunststück gibt er heute noch »ab und zu mal ganz gern« zum Besten.

Gerd Ripp

1957 geboren in Kerpen am Niederrhein
1972–1975 Hotel Germania, Düren, Ausbildung zum Kellner
1975–1976 Hotel Bareiss, Baiersbronn, Chef de Rang
1976 Stuttgart International, Chef de Rang
1977–1979 Auberge du Cheval Blanc, Lembach (Elsass), Ausbildung zum Koch
1979 Jagdschloss Friedrichsruhe, Zweiflingen-Friedrichsruhe, Assistent des Geschäftsführers
1979–1981 Hotelfachschule Berlin, Ausbildung zum staatlich geprüften Hotelbetriebswirt
1981–1982 Parkhotel Krefelder Hof, Direktionsassistent
1982–Juli 2013 Romantik Hotel Schloss Rheinfels, Hoteldirektor
1997–1998 Neuland, Eichenzell, Ausbildung zum Kommunikationstrainer
Seit März 2003 Romantik Hotel Schloss Rheinfels, geschäftsführender Inhaber

Was ist eigentlich ein Flipchart?

Gänzlich ohne Tricks und Täuschungen geht es für Ripp nach seiner Ausbildung weiter: Vom Rheinland aus führt ihn sein Weg unter anderem in den Schwarzwald, wo er als Chef de Rang im renommierten Hotel Bareiss anheuert. Weiter geht’s ins Elsass, wo er noch eine Ausbildung zum Koch draufsattelt, bis er sich schließlich auf der Hotelfachschule in Berlin einschreibt. Dass er diese als jüngster staatlich geprüfter Hotelbetriebswirt Deutschlands absolviert, zahlt sich schon kurze Zeit später aus. Nur ein Jahr danach, 1982, engagiert der Besitzer des Schlosshotels Rheinfels den gerade einmal 24-jährigen Ripp als Geschäftsführer auf der mittelalterlichen Burganlage hoch über dem Rhein.

Schnell entpuppt sich dieser »mehr oder weniger gehobene Touristenbetrieb« mit drei Sternen, 22 Zimmern und acht Mitarbeitern als Spielwiese mit Narrenfreiheit. Denn der Besitzer, ein Fabrikant, in dessen Unternehmen das Schlösschen nur ein winziges Rädchen ist, lässt Ripp gewähren und die zarten Überschüsse, die er bereits in seinem ersten Jahr erwirtschaftet, sofort reinvestieren. In der Folge wird das Hotel immer schöner und größer.

Mit dem Erfolg kommen die Probleme: Im Oberen Mittelrheintal ist es zu dieser Zeit üblich, im Winter zu schließen. Fünf Monate lang! Für Ripp kommt das nicht infrage, er hat keine Lust, seine Mitarbeiter Jahr für Jahr in die Arbeitslosigkeit zu schicken, »da wäre ja nur noch die Hälfte wieder zurückgekommen«.

Richten soll es eine neue Einnahmequelle: Mit Tagungen will Ripp auch während der kalten Jahreszeit Gäste ins Tal der Loreley locken. Genug Platz zum Bauen ist da. Zwar hat er nicht wirklich Ahnung, auf was er sich da einlässt. »Ich hab’ mich erst mal erkundigt, was ein Flipchart ist«, gibt er vergnügt zu. Dafür aber hat er Kollegen wie Klaus Kobjoll und Rudi Neuland – »damals schon Koryphäen auf dem Tagungsmarkt« – und lädt sie zu sich aufs Schloss.

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Tagungskonzept mit Hand und Fuß: Hokuspokus nur beim Zaubern

Diverse Brainstormings später wagt Tagungsnovize Ripp ein »absolutes Novum«: Er etabliert Tagungsräume, in denen nur gelernt werden soll. Räume also, die nicht, wie vielfach üblich, nebenher auch noch für Hochzeiten oder andere Veranstaltungen herhalten müssen. Mehr noch: Ein Maler aus dem Ort macht Ripp auf Goethes Farbenlehre aufmerksam, wonach jede Farbe eine andere Wirkung habe. Auch dieses neue Wissen setzt er sofort ein: Fortan unterstützen Düfte und Farben die lernförderliche Atmosphäre der einzelnen Tagungsräume. Ripp: »Wir hatten da ein Tagungscenter gebaut, das in Deutschland einmalig war.«

Neu und außergewöhnlich ist auch die Technik in seinem »Amphitrium«, einem Tagungsraum im Freien. Hier nimmt Ripp die Idee eines Freundes auf und lässt statt Mikrofonen Naturmembranen in den Boden einbauen. »Das hatten die Römer schon vor 3000 Jahren so gemacht«, plaudert er, »hier in Deutschland kannte das bis dato aber keiner.« Im Kollegenkreis findet sein Vorhaben allerdings nicht nur Zuspruch: »Was glauben Sie, wie viele zu mir sagten: Was machst du da für einen Quatsch?« Doch der Enthusiast lässt sich nicht beirren – und wird dafür belohnt. Es geht steil bergauf, und schon kurz nach der Eröffnung des Tagungscenters Villa Rheinfels im Jahr 1992 erhält das Haus die Auszeichnung als innovativstes Hotel in Deutschland. Es folgen viele weitere Ehrungen, darunter mehrfach die Weihe als bestes Tagungshotel.

Schlossherr aus heiterem Himmel

Über lange Jahre sind Mut und die richtigen Ideen zur richtigen Zeit die stetigen Begleiter des Gerd Ripp. Kurz nach der Jahrtausendwende sehnt er sich zudem nach magischen Kräften. Es ist das Jahr 2002, der Besitzer ist gestorben, seine Erben wollen die Anlage loswerden, Ripp soll sich darum kümmern. So weit, so klar. Doch dann kommen diese drei vorlauten Jungmanager, und Ripp, der sein »Baby« Rheinfels zwanzig Jahre lang liebevoll gehegt und gepflegt hat, ist drauf und dran hinzuschmeißen. Schließlich aber schmeißt er die Bubis, und zwar raus. »Wir saßen an diesem Tisch da drüben, das weiß ich noch wie gestern; die wollten mich hier springen lassen. In meinem Laden!«

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Nachdem er das Trio vor die Tür gesetzt hat, spricht er mit dem Sohn des Verstorbenen. Dieser ist außer sich vor Wut. »Wir haben uns so gefetzt, dass irgendwann der Satz fiel: ›Dann kauf den Laden doch selbst!‹«

Eigentlich habe er nie daran gedacht, sich selbstständig zu machen, sagt Ripp, schon gar nicht mit einem Schloss. Doch nun steht dieser magische Satz im Raum, und Ripp kommt ins Grübeln. 

Bei dem, was dann folgt, bekommt er heute noch Gänsehaut, gesteht er. Umso mehr, als niemand aus seinem Umfeld an einen Erfolg glauben wollte, insbesondere nicht die großen Banken in Frankfurt. Die lassen ihn ebenso abblitzen wie seine Hausbank: »Denen fehlte der Mumm!« Erst einen »allerletzten Strohhalm«, die Kreissparkasse in Simmern, kann er mit seinem Unternehmergeist und einer flammenden Rede gewinnen. »Da sah die Welt auf einmal ganz anders aus.«

Schöne Aussichten

Gut 15 Jahre ist das nun her, die schlaflosen Nächte als frischgebackener Hotelbesitzer sind längst Geschichte. Obwohl mittlerweile sechzig Jahre alt, ist Ripp immer noch voller Tatendrang. Die operativen Aufgaben hat er zwar delegiert, seit 2013 leitet Andreas E. Ludwig das Schloss als Direktor. Dennoch schippert Ripp noch regelmäßig Gäste im eigenen Sportboot über den Rhein oder chauffiert sie mit dem Oldtimer-Bus zur Weinprobe. Parallel dazu arbeitet er mit Feuereifer an seinem neuesten Projekt »Maria Ruh«, einem Veranstaltungszentrum mit Waldchalet und Panoramablick auf dem Loreley-­Felsen, mit eigener Kaffeerösterei und Freilichtbühne für tausend Zuschauer. Auf dem Programm stehen klassische Musik und Jazz, Country- und Coverbands, doch zu Saisonende holt er immer wieder kölsche Bands ins Mittelrheintal. Ripp grinst: »Ich bin und bleib’ halt Köln und dem Karneval verbunden.«

Und, natürlich, der Hotellerie. »Können Sie sich vorstellen, dass es in einem Hotel keine Prospekte mehr gibt, keine Speise- und Getränkekarten – auch nicht auf dem iPad?«, fragt er mit leuchtenden Augen. Genau das ist sein nächster Coup: Derzeit lässt er sämtliche gedruckten Informationen verschwinden, um sie in einem Buch im Din-A4-Format wieder auftauchen zu lassen. Der Magier ist sicher: »Dieses Ding, das schmeißen die Gäste nicht weg, das zeigen sie anderen, und sie werden alle drüber reden. Glauben Sie mir, das wird gut.«