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TEXT Uwe Lehmann FOTOS Frank Herfort

Der deutsche Russe

Die Azimut Hotels sind auf Expansionskurs, allein in diesem Jahr will die russische Hotelgruppe um weitere zehn Häuser wachsen. Seit Herbst 2013 leitet der Deutsche Walter C. Neumann das Privatunternehmen mit Sitz in Moskau. Sein Ziel: die schnellstmögliche Digitalisierung aller Drei- und Vier-Sterne-Häuser in Russland und Europa.

Zur Person

23. Juni 1964 geboren in Bochum
1986–1992 Ausbildung, verschiedene Tätigkeiten im Swissôtel Düsseldorf, zuletzt Assistant Front Office Manager
1992–1995 Grandhotel Europe, St. Petersburg
1995–1996 Clarion North Crown Hotel, St. Petersburg
1996–1997 Chesma Tour Operator, St. Petersburg
1997/1998 Weiterbildung Cornell University unter anderem General Manager Course (GMC)
1997–2001 Lindner Hotels, unter anderem ­General Manager Hotel Bayarena und Director Developement
2001–2003 MBA Tourist Management, Margaret University, Edinburgh
2001–2005 Arabella Sheraton, München, zuletzt als General Manager
2006–2010 Travel Charme Hotels & Resorts, ­Berlin, zuletzt Managing Director
2010–2013 Rocco Forte Hotel Astoria und ­Angleterre, St. Petersburg, General Director, ­Owner Representative
Seit 2013 CEO der Azimut Hotels, Board Member Metropol Hotel Moskau

Das Jahr 2018 wird für den CEO der Azimut Hotels auf jeden Fall ein spannendes werden. »Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Nicht nur für Russland, sondern auch für uns als Hotelunternehmen ein besonders wichtiges Ereignis«, erklärt Walter C. Neumann. Mit acht Hotels ist die Gruppe, die sich im Midscale-Segment positioniert hat, an den Spielorten Moskau, Sotschi, St. Petersburg und Nowgorod vertreten. »In den ersten beiden Turnierwochen sind wir praktisch ausgebucht, für die zweite Hälfte der Weltmeisterschaft sind große Kontingente geblockt«, erläutert der Manager.

Expansion in Ost und West

Derzeit verfügt Azimut über 29 Häuser in Russland, Österreich und Deutschland. Bis zur WM Mitte Juni sollen kurzfristig noch drei weitere Häuser im zentralasiatischen Raum eröffnen. »Die Managementverträge werden in den nächsten Tagen unterschrieben.« Danach sollen noch fünf weitere Eröffnungen folgen: in Russland beziehungsweise auf dem Gebiet ehemaliger GUS-Staaten, in Deutschland und in Tschechien. In Osteuropa schließt die Gruppe bevorzugt Managementverträge, in Westeuropa Pachtverträge ab.

Doch wie ist es überhaupt möglich, dass ein gebürtiger Bochumer einer russischen Hotelgruppe vorsteht? Tatsächlich sind weder Moskau noch die Azimut Hotels die erste Russland-Station des 53-Jährigen. Bereits nach seiner Ausbildung im Swissôtel Düsseldorf war Neumann, der in vierter Generation einer Hoteliers- und Gastronomenfamilie entstammt, als Frontoffice-Manager ins renommierte Grandhotel Europe nach St. Petersburg gegangen: raus aus Deutschland, rein in ein Land im Umbruch. Diese Zeit sei seine »prägendste Station« gewesen, sinniert Neumann. Immerhin: Damals hat er seine heutige Ehefrau kennengelernt, seinerzeit eine Kollegin. 

Nach fünf Jahren in St. Petersburg folgte Neumann 1997 dem Ruf der Lindner Hotels und kehrte zurück nach Deutschland: als General Manager des Lindner Bayarena Leverkusen, später dann als Director Development. Mit Lindner-Vorstand Andreas Krökel, den er bereits während seiner Ausbildung kennenlernte, ist er bis heute befreundet.

Nach einer Station in München landete Neumann 2006 schließlich bei den Travel Charme Hotels in Berlin, zuerst als Director Operation, dann als Managing Director. »Während dieser Zeit haben wir uns in Berlin ein Haus gebaut, das wir heute noch besitzen«, plaudert Neumann. »Berlin würde ich deshalb inzwischen als meine Heimat in Deutschland ansehen.« Da ist es ganz praktisch, dass auch das Europa-­Büro der Azimut Hotels an der Spree residiert. 

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Bester Hotelentwickler: Nichts geht in Russland ohne neue Medien und Techniken

Das Ziel: glückliche Gäste

Doch auch in Russland hat Neumann heute eine Heimat. Als Rocco Forte ihm 2010 anbot, die beiden Häuser Astoria und Angleterre in St. Petersburg zu leiten, kehrte er in seine Wahlheimat zurück. In dem Jahr kam dann auch die zweite Tochter zur Welt. »Uns ist es wichtig, dass die Kinder unsere beiden Heimatländer kennenlernen«, sagt der Mann, der in beiden Kulturen zu Hause ist vor allem aber in St. Petersburg: Bis heute lebt das Ehepaar mit seinen zwei Töchtern im Teenager- und Grundschulalter in der rund 700 Kilometer von Moskau entfernten Metropole, und Neumann pendelt. 

Kein Wunder: Als ihm die Azimut Hotels – mithin die größte Hotelkette Russlands in Bezug auf Zimmerzahl und geografische Ausdehnung – 2013 anboten, seinen GM- gegen einen CEO-Titel zu tauschen, musste Neumann nicht lang überlegen. Auch empfand er den Wechsel von der Luxushotellerie in die gehobene Mittelklasse nicht als pro­ble­ma­tisch oder gar als Abstieg, im Gegenteil. Sein Ziel sei immer dasselbe, sagt der »Mensch mit Ecken und Kanten«: den Gast glücklich zu machen. 

Wichtig: ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis 

»Gerade für die russischen Gäste steht das Preis-Leistungs-Verhältnis stark im Vordergrund«, resümiert der CEO der 2004 gegründeten Gruppe. »Wir agieren im Drei- und Vier-Sterne-Bereich und können Leistungen und – ebenfalls sehr wichtig – Service zu fairen Preisen anbieten.« Vernünftige Produkte seien daher wichtiger als Mainstream oder Neuerungen um jeden Preis. Diese Rechnung scheint aufzugehen: Die Azimut Hotels in Moskau bringen es auf eine durchschnittliche Auslastung von mehr als achtzig Prozent.

Aller Sanktionen infolge der Ukrainekrise zum Trotz: »Die durch die Sanktionen leicht zurückgegangenen Besucherzahlen aus dem Westen haben wir inzwischen durch neue Gäste vorzugsweise aus China, Indien und dem Iran mehr als wettgemacht«, erklärt der CEO. Darüber hinaus merke sein Unternehmen so gut wie nichts von den Einschränkungen. »Firmen aus anderen Ländern sind in die Bresche gesprungen, und es wird mehr in Russland selbst produziert.«

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Wachstumspotenzial: neue Azimut-Häuser auch in Deutschland?

Schwerpunkt Digitalisierung

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Digitalisierung. Die russische Klientel sei viel digitaler veranlagt als die deutsche, sagt Neumann. Das zeige sich auch an der Nutzung digitaler Reiseportale. Derzeit generiert sein Unternehmen etwa dreißig Prozent seiner Buchungen über digitale Kanäle, davon sechzig Prozent über OTA und vierzig Prozent über die eigene Website.

In einem seiner Moskauer Häuser läuft gerade ein Pilotprojekt mit einer neuen Unternehmens-App, über die der Gast alle Vorgänge im Hotel steuern können soll. Ausnahme: Das autonome Check-in und Check-out via App werde in Russland nicht so bald möglich sein. Neumann: »Wir müssen beim Einchecken von jedem Gast den Reisepass kopieren.«

Trotzdem wolle man verstärkt in derartige Tools investieren, betont Neumann: »Die neuen Medien und Techniken sind für unsere Kommunikation extrem wichtig und stellen eine der Hauptherausforderungen dar, um unsere Marke weiter nach vorn zu bringen.« Sein Unternehmen sieht der CEO dafür gut aufgestellt: Schon 2017 erhielt die Azimut-Gruppe den »Russian Hospitality Award« als bester Hotelentwickler.

Expansion geht weiter

Auch nach den geplanten Neueröffnungen in diesem Jahr soll die Expansion weitergehen. »Wir sind weiterhin an den Eins-a-Standorten in Russland interessiert, in den meisten der 15 Städte mit über einer Million Einwohnern sind wir bereits präsent. Aber auch B- und C‑Standorte können infrage kommen. Außerdem wollen wir in Osteuropa wachsen. Wir interessieren uns für Perlen wie Bulgarien«, sagt Neumann. Und auch in Deutschland, wo Azimut derzeit sieben Häuser unter anderem in Berlin, Köln und München betreibt, sieht er noch Potenzial für die Gruppe: »Häuser etwa in Hamburg, Düsseldorf oder Hannover sind für uns zukünftig von großem Interesse.« 

Bedeckt hält sich der Mann, den seine deutschen Freunde inzwischen »den Russen« nennen, lediglich bei der Frage, ob er bei der Weltmeisterschaft eher mit dem russischen oder dem deutschen Team mitfiebern wird.