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TEXT: Astrid Schwamberger FOTOS: Anna-Kristina Bauer

Der Alleskönner

Das Freizeit In ist eine Institution. Nicht nur in Göttingen ist es bekannt wie ein bunter Hund, auch bundesweit hat sich das Haus, das achtmal bestes Tagungshotel Deutschlands war, einen Namen gemacht. Seit 25 Jahren wächst und gedeiht es unter der Leitung von Olaf »Nicht lange fackeln« Feuerstein.

Beim Verkauf von Fliesen spielen Emotionen eine große Rolle. Kein Wunder, sind es doch überwiegend die Frauen, die gern aus einer Fülle von Angeboten wählen und das letzte Wort haben. Geschulte wissen das und sind da ebenso firm wie in Bezug auf ihre Materialien.

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Olaf Feuerstein: Hotelier, Dehoga-Chef und Stadtrat mit Visionen

Hotel Freizeit In: Zahlen und Fakten


Geschäftsführer
: Olaf Feuerstein und Jörg Trilling

Eröffnung: 1978

Standort: Dransfelder Straße 3, 37079 Göttingen 

Entfernung zum Hauptbahnhof: 5,8 Kilometer 

Kategorie: vier Sterne

Besonderheiten: Auf 70.000 Quadratmetern befinden sich mehrere Gebäude: Hotel und Tagungszentrum, Seminar-Villa und Schulungswerkstatt »Meisterwerk«, Vital-Spa sowie die Eventhalle XL-Orient-Lounge. Zum Freizeit-In-Universum gehören außerdem vier Restaurants und zwei Bars, die Ginkgo-Lounge, zwölf Kegelbahnen und 765 videoüberwachte Parkplätze sowie zwei Restaurants in der Innenstadt (Bullerjahn, Planea Basic) und ein Cateringteam für Veranstaltungen mit bis zu 10.000 Personen.
Auf Anfrage kostenfreier Hotelshuttle vom und zum Hauptbahnhof, in die Innenstadt oder zum Planea Basic.

Mitarbeiter: insgesamt 287 feste sowie bis zu 130 freie Mitarbeiter, darunter eine Wunscherfüllerin und ein Doorman

Zimmer: 209 Zimmer, darunter eine Premiumsuite und vier Juniorsuiten

Tagungsangebot: 44 Räume für bis zu 1200 Personen, separate Seminar-Villa und Schulungswerkstatt »Meisterwerk«

Zimmerpreise: 106 bis 356 Euro, Frühstück inklusive

Gäste: 80 Prozent Tagungsgäste, 20 Prozent Wellnessgäste sowie ­Individual- und Business-Reisende

Pläne: Umbau von Orangerie und Rezeption im Frühsommer 2018; Neubau eines Drei-Sterne-plus-Hotels 2018; Umbau der Orient-Lounge 2019

Wer sich schon einmal in einem Fachgeschäft umgesehen hat, ist womöglich auf einen Verkäufer gestoßen, der sein Wissen aus Göttingen mitgebracht hat. Dort nämlich finden regelmäßig Schulungen statt – »Seminare, die sehr viel Lärm machen und sehr viel Dreck verursachen, richtige Praktikerseminare eben«, sagt Olaf Feuerstein. In seinem Tagungshotel Freizeit In stellt er dafür optimale Bedingungen zur Verfügung: In der Schulungswerkstatt »Meisterwerk« können die Teilnehmer ungestört werkeln und auch laut sein, ohne anderen auf den Wecker zu gehen.

Schnapsidee bei Bier und Currywurst

Tatsächlich befindet sich diese spezielle Bildungsstätte für Handwerk und Baustoffhandel – »die einzige in Deutschland« – nicht im dreistöckigen Tagungsbereich im Hauptgebäude, sondern in einem Anbau gegenüber. Gereift sei die Idee »bei einem Bier und ’ner Currywurst« in der hauseigenen Harzer Bierstube. Feuerstein hatte sich mit einem Stammkunden zusammengesetzt, um zu überlegen, wo dieser in Zukunft seine Praxisseminare abhalten könnte. Das bislang genutzte Gebäude stand nicht mehr zur Verfügung. Doch einfach so gehen lassen wollte Feuerstein den Kunden, einen großen Zusammenschluss mittelständischer Baustoff-Fachhändler aus ganz Deutschland, nicht.

Und so entstand an jenem Abend in uriger Atmosphäre das, was Feuerstein eine »Schnapsidee« nennt: Ein Neubau sollte her. Die Investitionssumme – knapp 350.000 Euro – schreckte ihn nicht: »Das lässt sich stemmen«, war er überzeugt. Dass er am Ende 50.000 Euro zusätzlich lockermachen musste – egal. Sein Mut sollte belohnt werden: »Das ›Meisterwerk‹ ist von September bis Ende März, außer sonntags, ausgebucht«, zieht der Direktor und Hauptgesellschafter Bilanz. Allein sein Stammkunde belege fast achtzig Prozent der Kapazitäten. Die restlichen zwanzig Prozent – Hersteller und Zulieferer aus der Baustoffbranche – kommen auf dessen Empfehlung.

Gerade scheint sich die Geschichte zu wiederholen: In einem leer stehenden ehemaligen Bürogebäude auf dem weitläufigen Gelände, das nächstes Jahr einem Drei-Sterne-plus-Hotel mit 105 Zimmern weichen soll, werden zu Übungszwecken Schwimmbadfolien verarbeitet. »Wir überbrücken da ein Jahr und kucken dann mal«, sagt Feuerstein. Entscheide sich dieser Kunde langfristig für Göttingen als Schulungsstandort, »dann mache ich da was draus«.

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Operation am offenen Herzen

Tatendrang – »wir fackeln nicht lange, wir machen einfach« – hat Tradition im Freizeit In. Einer Blitzentscheidung des Vorbesitzers hat das Haus etwa seine weitläufige Orangerie zu verdanken. Feuerstein: »Der Mann war ein Seiteneinsteiger, der einiges machte, was sich ein klassischer Hotelier im Leben nicht getraut hätte.«

Bei der grundlegenden Renovierung dieses lichtdurchfluteten Anbaus, die jetzt – 25 Jahre danach – ansteht, schießt Feuerstein allerdings nicht einfach so aus der Hüfte. »Wir greifen da in das Herzstück des Hauses ein, reißen ab und schütteln das Ding einmal komplett durch«, umreißt er die Dimension. Im Frühsommer 2018 soll dann eine neue moderne Lobby gebaut werden, wie sie auch in München oder Hamburg stehen könnte.

Damit wird sich das Freizeit In wieder mal von der Konkurrenz am Ort absetzen. Und das ist ganz im Sinne von Olaf Feuerstein, der 1993 nach Göttingen gekommen war und das Haus Schritt für Schritt zum Platzhirsch gemacht hat. »Wir sind kein klassisches Business­hotel«, räumt er ein. Von Montag bis Freitag ticke zwar intensiv das Tagungsgeschäft, am Wochenende aber kommen Wellnessgäste. »Wir haben die Zahl in den letzten zehn Jahren verzwölffacht«, sagt er mit Stolz. Dazu wurde der Spabereich im vergangenen Jahr auf satte 9500 Quadratmeter erweitert. Und da alle Abteilungen eine eigene Handschrift tragen sollen, betreibt er (auch) den Spa im Freizeit In selbst. »Wir wollen nicht alles anders machen, um aufzufallen, sondern weil wir glauben, dass es für die Göttinger Lage genau richtig ist.«

Preiswerter Vorort von Hannover

Und die könnte besser nicht sein: Geografisch fast genau in der Mitte Deutschlands, ist Göttingen ideal für Veranstaltungen mit Vertrieblern und Außendienstmitarbeitern aus der ­ganzen Republik. Dank der Anbindung unter anderem an die Nord-Süd-Autobahn 7 sowie über einhundert ICE-Stopps pro Tag sind Tagungsteilnehmer per Auto oder Bahn in längstens circa vier Stunden da – egal ob aus Flensburg oder München, Aachen oder Frankfurt (Oder). Feuerstein grinst: »Das ist die Karte, die wir ausspielen.«

Städtereisen? Luft nach oben für die Region!

Ebenso wie die Nähe zur Landeshauptstadt. Vor allem bei Messereisenden mit Ziel Hannover sei Göttingen »sehr beliebt«. Der ICE braucht 28 Minuten zum Messegelände – genauso lang wie ein Taxi aus Hannovers Innenstadt. Dafür aber »haben wir einen deutlich niedrigeren Zimmerpreis und verlangen keinen klassischen Messezuschlag«. Für viele sei Göttingen deshalb »der preiswerte Vorort von Hannover«.

Andere wiederum wollen schnell dem Karneval entfliehen. Dank gezielter Onlinewerbung in Nordrhein-Westfalen war das Freizeit In allein in diesem Jahr komplett ausgebucht. »Wir hätten noch hundert Zimmer mehr verkaufen können«, freut sich der umtriebige Hotelier.

Aufbruchsstimmung in der Stadt der 44 Nobelpreisträger

Dennoch sieht er noch Luft nach oben: »Ich glaube, im Bereich Städtemarketing sind wir ein bisschen im Dornröschenschlaf.« Die Stärken der Universitätsstadt will er daher noch tiefer im Städtereisenmarkt verankern und engagiert sich dafür im Vorstand der Göttingen Tourismus.

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Platz für mehr: Neues Drei-Sterne-plus-Hotel in Planung

Anzupreisen gibt es genug. Denn wetten, dass viele nicht wissen, dass Göttingen einen »hervorragenden Altstadtkern« besitzt? Dass die Stadt 44 Nobelpreisträger hervorgebracht hat – nur Oxford hat mehr – und aufgrund ihrer Lage am Harzrand auch ein guter Standort ist, um in die Fachwerkhochburg Hannoversch Münden oder nach Kassel auszuströmen?

Zurzeit ist Feuersteins Expertise – als Unternehmer wie auch als Dehoga-Vorsitzender und Stadtrat – besonders gefragt. Diverse Hotelprojekte sind in Planung, »es herrscht eine gewisse Aufbruchsstimmung«. Da müsse man jetzt schauen, was Göttingen vertrage, welcher Zimmermix benötigt werde und was die Stadt leisten müsse, um ihre Tagungs- und Kongresskapazitäten weiterzuentwickeln.

Als Unternehmer ist Feuerstein schon mittendrin, sein Tagungs- und Wellnessuniversum fit zu machen für die Zukunft. Wenn der Renovierungs-, Anbau- und Umbaumarathon vorüber ist, will er erst einmal eine Zeit lang feinjustieren. Ob es dabei bleibt, steht jedoch in den Sternen. Aber: »Es fällt uns bestimmt wieder etwas ein.«