Titelbild für Artikel Das Lindenberg-Universum
TEXT Astrid Schwamberger FOTOS Felix Schmitt

Das Lindenberg-Universum

Mitten im Frankfurter Stadtteil Alt-Sachsenhausen inszeniert sich das stylishe Libertine Lindenberg als Gästegemeinschaft für kurze oder längere Aufenthalte. Mit weiteren Angeboten und ehrenamtlichem Engagement beteiligt sich der Betreiber aber auch an der Entwicklung des historischen Quartiers, das dringend frischen Wind benötigt.

Libertine Lindenberg in Zahlen

Eröffnung: Februar 2016
Dehoga-Sterne: 4
Geschäftsführung: Denise Omurca
Standort: Frankensteiner Straße 20, 60594 Frankfurt am Main
Mitarbeiter: 24 (feste Mitarbeiter für alle Hotelprojekte)
Auslastung: »sehr gut« (Denise Omurca)
Ausstattung der Zimmer: Boxspringbetten von Fennobed, Leuchten aus Porzellan, handgeknüpfte Naturwollteppiche aus dem Atlasgebirge, Ukulele, kostenfreies Netflix und WLAN; einige Zimmer mit Badewanne statt Dusche, Sitzecke mit Schreibtisch oder Kochnische
Ausstattung des Hauses: Wohnzimmercafé (Frühstücksraum, Café, Rezeption), Check-in-Automat, Waschküche, »Turnstudio« mit Boxsack, Crosstrainer und Hantelbank; kostenlose Leihfahrräder; Vespa und Wohnmobil gegen Leihgebühr
Preise: ab 99 Euro pro Nacht, ab 1484 Euro pro Monat (Ein­zimmer­suiten); außerdem Zweizimmersuiten und Maisonettes sowie eine Dreizimmersuite
Gäste: alle Altersklassen, vorwiegend aber jüngere Leute, oft Künstler, aber auch andere Berufe
Langzeitvermietung: Fünf bis zehn Zimmer werden langfristig vermietet, vorwiegend an Pendler, die in Frankfurt an Projekten arbeiten; Verweildauer zwischen vier Wochen und sechs Monaten.
Schwesterbetriebe: Lindenberg (Gästegemeinschaft im Frankfurter Ostend, Rückertstraße 47), »Der kleine Mann mit dem Blitz« (Haus mit Wohnungen, Atelierräumen, Galerie, Bar und Apfelweinkelterei in Alt-Sachsenhausen, Kleine Rittergasse 11), Bonechina (Bar in Alt-Sachsenhausen, Große Rittergasse 64), Seven Swans (vegetarisches Sternerestaurant am Mainkai 4), Braumannswiesen (Permakulturhof im Taunus), Lindley Lindenberg (Gästegemeinschaft mit hundert Zimmern im Ostend, ab Herbst 2018)

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Denise Omurca, Geschäftsführerin: bewusst polarisierend

Junggesellenabschiede – mehr braucht man eigentlich nicht zu sagen, um die Szenerie zu beschreiben, die am Wochenende die mittelalterlichen Gassen Alt-Sachsenhausens beherrscht. Das ehemals gemütliche Viertel der Fischer und Handwerker, die in den Fachwerkhäusern lebten und sich in den typischen Apfelweinlokalen vergnügten, ist längst heruntergekommen und zur Partymeile mutiert – mit entsprechenden Exzessen. 

Frankfurter von der anderen Mainseite verirren sich bislang eher selten hierher, weiß Denise Omurca, Geschäftsführerin des Hotels Libertine Lindenberg. Sie selbst hatte das Quartier auch nicht »auf dem Radar« gehabt, bevor sie in die zahlreichen Projekte der Lindenberg-Gruppe um den umtriebigen Investor und Quereinsteiger Steen Rothenberger eingebunden war. 

Dass die Lage polarisiert, »war uns bewusst, als wir entschieden, die Libertine hier reinzupacken«, sagt Omurca. Dass hier Potenzial und Problem oft nur wenige Pflastersteine voneinander entfernt sind, habe das Lindenberg-Team nicht abgeschreckt. »Alt-Sachsenhausen ist in erster Linie ein Viertel, an das wir glauben und an dessen Entwicklung wir uns beteiligen«, sagt Omurca. Es gelte, »das Ursprüngliche wieder herauszukitzeln« und die Art des Amüsierens zu verändern, weg von Billigschnaps und Ballermann-Image. 

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Wohlfühlräume: »So ein bisschen wie Udo Lindenberg«

Udo und die alte Dame

In dieser urig-wilden Nachbarschaft also befindet sich Libertine Lindenberg in einem Backsteingebäude aus der Gründerzeit. Von außen weist nicht viel auf den Übernachtungsbetrieb hin. Klein gedruckt steht der Name auf einem von mehreren Klingelschildern an der Haustür. Der Hintergedanke: »Wir bezeichnen uns selbst gar nicht als Hotel, sondern als Gästegemeinschaft«, sagt Denise Omurca. Wer hier eincheckt, soll sich wie zu Hause fühlen. »So ein bisschen wie Udo Lindenberg«, der schon seit über zwanzig Jahren in einem Hamburger Luxushotel wohnt. Dem »Sonderzug nach Pankow«-Sänger sei denn auch ein Teil des Namens geschuldet; mehr aber auch nicht.

Der andere Teil – Libertine – kreist um eine ältere Dame aus dem Kiez vor der Haustür. Sie diente als Inspirationsquelle fürs Gestaltungskonzept; in Wirklichkeit hat es diese Libertine jedoch nie gegeben. Elemente, die auf ihre erfundene Geschichte zurückgehen, ziehen sich also durch alle 27 Zimmer für Kurz- und Langzeitgäste, das Treppenhaus und die Gemeinschaftsräume: Wände und Möbel in Li­ber­tines vermeintlicher Lieblingsfarbe Rosa und schwarze Flächen, die ihre angeblich dunkle Vergangenheit symbolisieren. Motten aus Stoff und Käfer aus Glas und auf Bildern sind ihrer angedichteten Sammelleidenschaft zu verdanken, und in allen öffentlichen Räumen stehen frische Blumen. Sogar im Fahrstuhl sind welche. »Einmal die Woche kommt Jens und bindet die Sträuße«, sagt Denise Omurca auf dem Weg in den fünften Stock zur »Kochlandschaft«.

Wir bezeichnen uns nicht als Hotel, ­sondern als Gäste­gemeinschaft.

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Gestaltungskonzept der fiktiven Frau Libertine: Hell-dunkel-Kontraste

Gäste und Freunde

Hier, über den Dächern von Alt-Sachsenhausen und mit Ausblick auf die Bankentürme auf der anderen Main­seite, ist einer der »Dreh- und Angelpunkte« (Omurca) für die Gästegemeinschaft zu finden. Wer »in der Libertine« wohnt, kann sich hier selbst versorgen – und schnell Anschluss finden. Vor allem die Langzeitbewohner seien in der Designerküche oder am langen Esstisch im Raum nebenan anzutreffen, weiß die gelernte Sommelière. Im Idealfall schenkten sie neuen Gästen direkt ein Glas Wein ein oder einen Ebbelwoi und gäben ihnen Tipps, zum Beispiel zum Ausgehen oder zu den aktuellen Ausstellungen der zahlreichen Museen. »Die Rechnung geht bisher auf«, lacht Omurca.

Unterm Dach trifft sich aber nicht nur die Gästegemeinschaft aus dem Haus. Einmal im Monat lockt das »Mittwochskochen« auch externe Gäste an. Für bis zu vierzig zahlende Teilnehmer ist Platz in der geräumigen Wohnküche. Mit der Resonanz ist Denise Omurca zufrieden: »Das wird gut angenommen.« Auf den Tisch kommen vegetarische »Easy-peasy-Dreigangmenüs«, zubereitet von Gastköchen: Profis und andere Freunde des Hauses wie etwa Studio Aberja, eine Designschmiede. 

Zutaten müssen die Mittwochsköche allerdings nicht mitbringen. Die stammen von einem Hof in der Nähe von Bad Homburg, der ebenfalls zum Lindenberg-Universum gehört. Auf dreieinhalb Hektar werden dort Obst und Gemüse nach dem Permakultur-Konzept angebaut, das auf natürliche Kreisläufe setzt, ökologisch und nachhaltig. »Wir gucken einfach, was auf unseren Braumannswiesen gerade wächst, und dann kommt das in den Topf«, sagt Denise Omurca. In welcher Form zum Beispiel Pilze, Kartoffeln und Romanasalat als Hauptgericht auf dem Teller landen, überlässt sie den jeweiligen Gastköchen.

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Hausmusik: Konzerte im Tonstudio per Radio auch live in jedem Zimmer

Abgerechnet wird zum Schluss

Die Produkte vom eigenen Hof gibt es bei Libertine Lindenberg aber nicht nur zu besonderen Gelegenheiten. Kurz- und Langzeitgäste können sich jeden Tag mit den frischen Lebensmitteln, selbst gemachten Aufstrichen, Marmeladen und Suppen im »Lekker Lädchen« eindecken. Auch Wein und andere Getränke stehen in dem wandhohen Einbau in der Kochlandschaft, der aussieht wie eine Mischung aus überdimensionalem Kaufmannsladen und Riesen-Minibar. Hier ist Selbstbedienung angesagt nach dem Motto „Rausnehmen und aufschreiben“. Bezahlt wird beim Auschecken. Und das funktioniert? »Ja«, sagt Denise Omurca, »dieser Vertrauensvorschuss wird total dankbar angenommen und trägt dazu bei, dass sich unsere Gäste ein Stück mehr zu Hause fühlen.« 

Neben dem Mittwochskochen erweitern auch Konzerte die Gästegemeinschaft. Alle paar Wochen gibt es »handgemachte Musik« im Tonstudio »Lotte Lindenberg«. Wolfgang Gottlieb, einer der Gründer des Studios und ehemals Chef eines Frankfurter Independent-Plattenlabels, sucht gemeinsam mit seinem Weggefährten Fakir Ayoub die passenden Künstler aus. So stehen auf der Bühne im Untergeschoss etwa Singer-Songwriter wie Howe Gelb aus den USA und Gregor McEwan aus Berlin oder die serbische Indie-Folk-Band Stray Dogg – alle ausverkauft. Diese Veranstaltungen seien mittlerweile »Selbstläufer« und sogar für »Menschen von der anderen Mainseite« ein Grund, sich nach Alt-Sachsenhausen aufzumachen, sagt Denise Omurca. 

Hausgäste müssen indes noch nicht einmal ihr Zimmer verlassen, um der Musik zu lauschen. Übers Hausradio können sie die Gigs verfolgen.

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Wiederbelebung: Gegen das Schmuddelimage eines ganzen Stadtteils

Zeit, dass sich was dreht 

Auch wer Alt-Sachsenhausen erkunden möchte und die Concierge nach Tipps fragt, bleibt womöglich im Lindenberg-Universum kleben. Ein Satellit befindet sich schräg gegenüber: das Bonechina, eine kleine Bar ohne Tresen, in der sich die Barkeeper unter die Gäste mischen. Ein paar Meter weiter befindet sich ein weiterer Ableger: »Der kleine Mann mit dem Blitz«. Die gemischt genutzte Location soll ein Impuls sein, um die traditionelle Einheit von Wohnen, Arbeiten und Feiern in Alt-Sachsenhausen wiederzubeleben.

Mit seinem Engagement ist das Team Lindenberg nicht allein. Gemeinsam mit Kollegen aus der Gastronomie, Kiezbewohnern und Künstlern engagiert sich Denise Omurca etwa in der »Initiative Alt-Sachsenhausen – Ein Viertel erfindet sich neu«. Ziel ist ein Maßnahmenplan zum Wandel des Viertels. 

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich in einem Frankfurter Stadtteil was dreht. Entsprechende Entwicklungen hat es bereits im Ostend gegeben. Das ehemalige Arbeiterviertel hat in den vergangenen dreißig Jahren durch einen wahren Bauboom sein Gesicht verändert, gilt als Erfolgsgeschichte. Im Jahr 2012 wurde dort das Lindenberg eröffnet. Im Herbst soll mit dem Lindley Lindenberg nun das dritte Hotel, Pardon: die dritte Gästegemeinschaft folgen.