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TEXT Anke Pedersen

Das chinesische Jahrhundert

Nicht nur die Reisebranche ist im Umbruch, überall auf der Welt ändern sich die Vorzeichen. Kaum einer weiß das besser als der frühere Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer. Auf Einladung der HRS Group appellierte er beim Corporate Lodging Forum in Berlin, »sehr darauf achtzugeben, dass wir nicht abgehängt werden zwischen dem Silicon Valley und Shenzhen«.

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Joschka Fischer auf dem Corporate Lodging Forum: Dringender Appell für ein stabiles Europa

Wenn Joschka Fischer besorgt ist, dann schaut er noch ein wenig mürrischer, und auch seine Stimme wird noch mal knorriger. Derzeit macht sich der frühere Außenminister große Sorgen um Deutschland und Europa. »Wir sollten die Zeichen an der Wand erkennen«, sagt der einstige Grünen-Star, »es geht eine Ordnung zu Ende, und es gibt kaum ein Land, das so abhängig ist von dieser Ordnung wie Deutschland.« Vom militärischen Schutz durch die USA, vom Frei- und vom Welthandel. 

Was er damit meint? Entwicklungen wie etwa den Brexit, die Präsidentschaft von Donald Trump – »die USA haben erstmalig einen erklärten Isolationisten als Präsidenten« – und das europaweite erstarken rechtsextremer Bewegungen. All das sind für den Außenpolitikexperten klare Anzeichen dafür, dass »wir uns in einer Phase des generellen Umbruchs« befinden. »2017 war Frankreich kurz davor, sich aus der EU zu verabschieden; Europa wäre dann auseinandergebrochen.« 

Der Abstieg des Westens

Doch natürlich sind es nicht nur die Entwicklungen in der westlichen Welt, die Fischer Bauchschmerzen bereiten. Parallel zum »Abstieg des Westens« – so auch der Titel seiner neuesten Publikation – konstatiert der Siebzigjährige eine »Verschiebung des Reichtums nach Osten«, genauer: nach China. »China ist innerhalb nur einer Generation vom Drittweltland zur Nummer eins in der Informationstechnologie geworden«, erinnert er. Und auch in anderen Schlüsseltechnologien strebe die Volksrepublik mit Macht an die Spitze. »Derzeit erleben wir den Aufstieg einer neuen Weltmacht«, konstatiert der Politiker und ist fest davon überzeugt: »Wir laufen auf ein chinesisches Jahrhundert zu, ob wir das wollen oder nicht.« 

Der unbedingte Wille, ganz oben zu sein – und zu bleiben

Bleibe lediglich die Frage, ob das friedlich vonstattengehen könne oder nicht. Denn von seinem Kurs abbringen lassen, davon ist Fischer überzeugt, werde sich China von nichts und niemandem. Die Gründe dafür fänden sich in der Geschichte des Landes: Zum einen sei da das Erlebnis außenpolitischer Schwäche im Zuge des europäischen Imperialismus, der Opiumkriege sowie der japanischen Angriffe vor und während 1945. »Für China war das ein Jahrhundert der Demütigung, daher herrscht dort der unbedingte Wille, ganz oben zu sein – und zu bleiben.« Daneben sei die Erfahrung des inneren Chaos im Zuge der Kulturrevolution noch immer präsent. Aus diesem Grund habe für die Regierung auch die innere Stabilität entscheidende Bedeutung.

Kurz und gut: Laut Fischer sind es die Traumata der Vergangenheit, die das Handeln und die Politik Chinas im 21. Jahrhundert bestimmten – im Äußeren wie im Inneren: 

  • Wirtschaft: Anders als der Westen denkt das Land langfristig und strategisch. Projekte wie die Wiederbelebung der historischen Seidenstraße (»One belt, one road«) als neuer Handelsroute bis nach Europa demonstrieren dies ebenso eindrücklich wie etwa der Erwerb des Hafens von Piräus, mithin der größte Seehafen Griechenlands und einer der größten im Mittelmeerraum.
  • Militär: Die Volksrepublik werde den Fehler der UdSSR nicht wiederholen und ein Wettrüsten mit den USA beginnen, glaubt Fischer. »Aber sie haben die Technologie: Schon heute ist China die Nummer eins in künstlicher Intelligenz; da dürfen wir uns auf gar keinen Fall abhängig machen.« 
  • Politik: China wird von einer leninistischen Partei regiert. In diesem Kontext spricht Fischer von »digitalem Leninismus«. Und weil dessen Erfolg auf Konsum und Digitalisierung basiere, werde beides kräftig vorangetrieben. »In der Durchdringung des Alltags mit Informationstechnologie ist China führend.«

»Ein stabiles und starkes Europa muss sich nicht fürchten«

Und das nicht nur innerhalb des chinesischen Marktes. »Vielleicht wissen die Big Data ja schon, was ich – oder sogar eine ganze Volkswirtschaft – morgen bestellen werde«, witzelt der Grüne im Angesicht der bereits bestehenden technologischen Überlegenheit des 1,2-Milliarden-Volks. Einer Überlegenheit, so fährt Fischer fort, die leicht dazu führen könnte, dass »die unsichtbare Hand des Marktes«, von der der Ökonom Adam Smith einst sprach, plötzlich sehr sichtbar werden könnte. 

Ein Horrorszenario? Gewiss. Aber Fischer scheinen drastische Bilder wichtig zu sein, um sein Publikum vorzubereiten auf seine eigentliche Message: »Wir müssen die Chance nutzen, ein stabiles und starkes Europa aufzubauen. Ein stabiles und starkes Europa muss sich nicht fürchten. Aber in zehn Jahren ist der Zug abgefahren.«