Titelbild für Artikel Christophs Tag hat 25hours
TEXT: Silke Becker FOTOS: Lucas Wahl

Christophs Tag hat 25hours

Christoph Hoffmann suchte nach einem kleinen Hotel in Südfrankreich oder der Schweiz. Er fand drei kongeniale Partner und rüttelte mit den 25hours die gesamte Branche wach. Sein Erfolgsrezept: Individualität, Erlebnisse, Teamwork.

Wer ihn so sieht, lässig, braun gebrannt, lustige Ringellocken, mit Shorts, Karohemd und Turnschuhen, kann es sich kaum vorstellen. »Der Christoph«, wie die 25hours-Mitarbeiter ihren Chef nennen, hat seine Wurzeln in der distinguierten, förmlichen und konservativen Luxushotellerie. Seine Welt, das waren das berühmte Hamburger Hotel Atlantic und das feine Louis C. Jacob. »Ich war schon immer der unabhängige, unangepasste Typ und habe irgendwann gespürt, dass ich frei sein wollte«, sagt er. Der damals Vierzigjährige kündigt und gibt sich ein Jahr Zeit für die Suche nach einer neuen Perspektive. Hoffmann träumt von einem kleinen, schnuckeligen Hotel, gern in der Schweiz oder, noch lieber, in Südfrankreich. Schließlich liebt der gebürtige Saarländer dieses Land, hatte als Schüler sogar einige Jahre lang einen Laden für französischen Wein.

Während seines Sabbaticals konzipiert er – sozusagen als kleiner Schlenker auf dem Weg in den Süden – im Zen­trum von Kopenhagen das Fox Hotel, heute das SP34 der Brøchner Hotels. Im Auftrag von Volkswagen, zum Launch des VW Fox, dem Vorgängermodell des VW Up, lässt Christoph Hoffmann die 61 Zimmer von Künstlern individuell gestalten, passend zum jungen, unangepassten Image des Kleinwagens.

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Christoph Hoffmann

1965 geboren in Neunkirchen (Saar)
1987–1989 Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann in Stuttgart
1989–1991 Mitarbeiter bei New World Travel in New York
1991 Trainee im Box Tree Hotel in New York
1991–1993 Glion Institute (École Hotelière et de Tourisme Leysin)
1993 Management-Trainee im American Colony Hotel, Jerusalem
1994–1997 Sales Manager Travel Industry, Atlantic Kempinski Hamburg
1997 Director of Marketing and Sales für Bürgenstock Hotels & Resorts, Schweiz
1997–2003 stellvertretender Direktor im Louis C. Jacob, Hamburg
2000 Weiterbildung an der Cornell University
2004 Sabbatical, Konzeption Fox Hotel, Kopenhagen
2005 Gründung der 25hours Hotel Company
2017 Hotelier des Jahres

Bei diesem Projekt bringt er im Jahr 2005 Immobilien­investor Ardi Goldman, Berater Stephan Gerhard und Hotelier Kai Hollmann zusammen. Hollmann betrieb mit dem Hamburger Gastwerk schon das erste Designhotel der Hansestadt und hatte 2003 mit dem Number one das erste 25hours eröffnet, passend zum Ambiente des ehemaligen Bürogebäudes im Retrostil der 1960er- und 1970er-Jahre gestaltet. Bei einem »weinseligen Abendessen« entstand die Idee, das 25hours-Konzept systematisch auszubauen und zur Marke zu machen, zunächst in Frankfurt, weil Goldman da gerade »zufällig« eine passende Immobilie hatte.

»Das Hotelerfinden ist das Schönste, was man tun kann«

»Wir wollen keine standardisierten Hotels von der Stange, sondern Geschichten erzählen und Erlebnisse bieten«, sagt Hoffmann. Diese individuellen Konzepte, erläutert er, entstehen durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gebäude, dem Umfeld, der Stadt. Beispielsweise erzählen Seeleute aus aller Welt im Hamburger 25hours Hafencity aus ihrem Leben, im Wiener 25hours Museumsquartier dreht sich alles um das Thema Zirkus, das Frankfurter 25hours The Goldman wurde von namhaften Persönlichkeiten aus der Mainmetropole und der ganzen Welt inspiriert. Christoph Hoffmann liebt diese prickelnde Anfangsphase, wenn alles noch offen ist. »Das Hotelerfinden ist das Schönste, was man tun kann.« Das Schlimmste: der Tag der Eröffnung. »Ich sehe dann immer so viele Fehler und Mängel, weil vieles noch nicht so ist wie erträumt.«

Genau diese individuellen, einzigartigen Geschichten sind es, die die Seele und damit den Erfolg der 25hours-Häuser ausmachen. Und genau damit, mit diesem Konzept, hat Hoffmann die gesamte Hotellerie der letzten Jahre nachhaltig beeinflusst. Nach eigenen Angaben haben seine Häuser eine Auslastung von über neunzig Prozent, an einzelnen Standorten sogar deutlich darüber. Selbst ein Großbrand, ausgelöst von einer vergessenen Kerze, der das gerade wiedereröffnete Hamburger 25hours Hafencity nur zwei Monate nach der Eröffnung 2016 zu einer zwölfmonatigen Schließung zwang, konnte seinen Siegeszug nicht stoppen. Für diesen Erfolg gab es verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde Christoph Hoffmann zum Hotelier des Jahres 2017 gekürt.

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Legendenbildung 2.0: Hotelmythos, aber neu und modern

Was heute als Innovation gefeiert wird, ist für Hoffmann nur die Wiederbelebung einer langen Tradition, die der Branche im Laufe der Jahre zwischen all der Effizienzsteigerung, Kostensenkung und Digitalisierung irgendwie verloren gegangen ist. »Die Geschichten, die Stars, die Mythen der alten Grandhotels haben mich schon immer fasziniert«, sagt er. Wer kennt sie nicht, die Hotellegenden wie das Ritz, das Waldorf Astoria, das Adlon und all die anderen Orte der Sehnsucht, der Fantasie, der Träume, Orte, die Geschichten erzählt haben, so wie es die 25hours heute auf eine neue, moderne Art wieder tun.

Dabei hatte der Sohn eines Wirtschaftsprüfers seine Karriere ursprünglich in der Reisebranche gestartet. Nach seiner Ausbildung als Reiseverkehrskaufmann in Stuttgart 1989, arbeitete er drei Jahre bei einer Incentiveagentur in New York, hatte darüber Kontakte in die Hotellerie. »Die Reisebranche allein ließ mein Herz nicht höherschlagen.« Zurück in Europa machte er Anfang der 1990er-Jahre seinen Bachelor am renommierten Schweizer Glion Institute und belegte weiterführende Kurse an der Cornell University in New York. Danach arbeitete er in Traditionshäusern in New York, Jerusalem und in der Schweiz, bevor er der Liebe wegen in Hamburg seine »Homebase« fand, wo er mehr als zehn Jahre lang leitende Positionen in der Luxushotellerie bekleidete.

»Luxus heißt nicht Geld, sondern Zeit, Ruhe, Qualität«

Doch Luxus im klassischen Sinne, goldene Wasserhähne, dicke Teppiche, livrierte Diener, das interessiert Hoffmann inzwischen nicht mehr. »Luxus heute, das ist nicht Geld, sondern Zeit, Ruhe, Qualität.« Seine Gäste sollen sich fühlen wie »bei guten Freunden zu Hause«, die Gestaltung, die Zimmer, die Musik, kurzum »alle Touchpoints« sollen dem Gast ein »warmes Bauchgefühl« geben.

Als Hotelier legt Hoffmann viel Wert darauf, dass sich seine Häuser in ihr Stadtviertel integrieren. »Der internationale Gast kommt sowieso, es geht darum, die Menschen in der Nachbarschaft zu erreichen.« Die 25hours-Hotelbars und -restaurants sind angesagte Szenetreffs der Stadt, manche auf Wochen im Voraus ausgebucht, keine sterilen, langweiligen Zwischenstopps für Leute auf der Durchreise, die nicht wissen, was sie mit ihrem Abend anfangen sollen. »Es geht um das Bedürfnis nach Individualität und Emotionalität, nach einer lokalen Welt, in der sich reale Menschen treffen, als Gegentrend zum standardisierten, digitalisierten Alltag.«

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Dirigent 2.0: »Viele Leute im Projekt bestmöglich orchestrieren«

Christoph Hoffmann ist kein einsamer Leitwolf mit genialen Ideen, sondern Teamworker, bestens vernetzt. Für die paar Schritte zum Tisch in seinem Restaurant braucht er fast zwanzig Minuten, weil er überall Leute begrüßt, kurz schnackt, mal schnell was mit der Küchenchefin klärt, alle paar Minuten checkt er sein Smartphone. »Ich war schon immer gut darin, Menschen zusammenzubringen.« Und genau dieses Talent macht den Erfolg der 25hours möglich. »Man muss viele Leute bestmöglich orchestrieren, damit so ein Projekt funktioniert.« Schließlich will der Innen­architekt am liebsten ohne Blick auf die Kosten alles perfekt durchstylen, der Investor will es möglichst billig, und dann sind da noch die Auflagen der Behörden. »Die größte Gefahr ist es, einen Designer einfach machen zu lassen, denn dann hat man am Ende ein steriles Designhotel und kein 25hours«, sagt er. Damit die Einzigartigkeit immer wieder aufs Neue wirklich gelingt, beschäftigt Hoffmann eigens ein Kreativteam. Hier kümmern sich eine Anthropologin, eine Designpsychologin und verschiedene Designerinnen ausschließlich um das Storytelling der Häuser.

Am Ende entscheidet das Bauchgefühl

Doch die individuelle Geschichte, die jedes der aktuell zehn Häuser auf seine je ganz eigene Art erzählt, ist erst der zweite Schritt. Am Anfang steht der Standort und natürlich auch das Geld. »Wir schauen uns die Mikrolage ganz genau an, überlegen, wie man das Gebäude sinnvoll nutzen könnte und ob es sich tatsächlich rechnen kann.« Und nicht zuletzt entscheidet »das gute Bauchgefühl« des Führungsteams. Das gilt auch fürs Finanzielle. »Wir arbeiten nicht mit jedem, sondern nur mit Investoren, die unsere Marke schätzen und wirklich verstehen.« So wie es inzwischen auch die Accor Hotels tun, die vor etwa einem Jahr mit dreißig Prozent bei 25hours eingestiegen sind. »Die Bedingung war, dass wir unsere Kultur behalten.«

Die Kooperation sieht Hoffmann als »tolle Chance«, das Unternehmen internationaler aufzustellen und »gut in die Zukunft zu bringen«, schließlich lebe man nicht ewig und trage die Verantwortung für bald tausend Mitarbeiter. Geplant sind derzeit Projekte in München, Düsseldorf, Köln, Dubai, Florenz, London und Paris. Dafür sitzt der heute 52-Jährige – trotz Flugangst – ständig im Flieger, jettet von Projekt zu Projekt. Sein Tag ist durchgetaktet, sein Terminkalender randvoll. Der Erfolg hat seine kühnsten Träume »übererfüllt«.

Doch die Freiheit, die Unabhängigkeit, die er einst gesucht hat, hat er sie wirklich gefunden? »Ja und nein«, sagt er. »Natürlich habe ich viele Freiheiten, die ich als Angestellter nicht hatte. Doch in gewisser Hinsicht bin ich auch ein Getriebener, das ist ein ständiger innerer Druck, denn ich liebe es einfach, Neues zu machen und Neues zu entdecken.«