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TEXT Michael Buller

»China hat uns längst überholt«

Die Geschwindigkeit, Dynamik und Intensität, mit der China die Digitalisierung vorantreibt, insbesondere in seinen Metropolen, wird außerhalb des Landes deutlich unterschätzt. VIR-Vorstand Michael Buller findet das nicht nur bedauerlich. Es ist auch ein Fehler, sagt er nach seinem Besuch auf der ITB China im Mai.

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Michael Buller, VIR: »Silicon Valley? Nein, tonangebend sind heute die Chinesen!«

Gewohnheitsmäßig richtet sich unser Blick als Europäer gen Westen, in die USA. Ein Fehler, wie wir auf einer mehrtägigen VIR-Delegationsreise zur ITB China im Mai nach Shanghai festgestellt haben. Im Hinblick auf Innovationen mag das Silicon Valley aus europäischer Betrachtung heraus ja die führende Rolle spielen. In der praktischen Umsetzung sind es jedoch zweifellos die Chinesen, die heute den Ton angeben – und das gilt in Bezug auf alle relevanten Bereiche des täglichen Lebens. 

Besonders eindrucksvoll ist diese Entwicklung (auch) in der Reiseindustrie zu beobachten. Das Zeitalter des Desktop-Rechners haben die Menschen in den Großstädten dieses viertgrößten Landes der Welt quasi übersprungen und steuern heute mehrheitlich wesentliche Handlungen des täglichen Bedarfs digital und mobil: vom Erwerb der Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel und die Beschaffung aktueller Nachrichten über den Bezahlprozess im nächsten Supermarkt bis hin zur Reisebuchung über mobile Endgeräte.

Das Potenzial eines Marktes mit 1,4 Milliarden Menschen

Für die globale Reiseindustrie besonders interessant: Obwohl das bevölkerungsreichste Land der Erde die Bundesrepublik schon 2016 als Reiseweltmeister abgelöst hat, verfügen bislang lediglich fünf bis zehn Prozent aller Chinesen über einen Reisepass. Es braucht also keinen Propheten oder Wahrsager, um schon heute ziemlich zuverlässig prognostizieren zu können, welche Potenziale ein Markt von 1,4 Milliarden Menschen bereithält, in dem mehr und mehr Menschen der Mittelklasse zu Wohlstand kommen und entsprechend Lust verspüren, auf Reisen zu gehen.

Bereits im vergangenen Jahr hatten 14 Prozent des chinesischen Outbound-Tourismus mit 13,4 Millionen Ankünften nach Europa geführt. Bis zum Jahr 2021 wird ein Wachstum der Europa-Reisen von durchschnittlich 9,3 Prozent erwartet – jährlich! Dabei sind chinesische Reisende keineswegs nur in Gruppen unterwegs, sondern reisen zunehmend auch individuell – als sogenannte „free independent travellers“ (FIT).

Geschwindigkeit ist das A und O

Welche Besonderheiten den chinesischen Markt prägen, weiß Fabian von Heimburg, der 2014 in Shanghai, dem „Maschinenraum für die digitale Wirtschaft des Landes“, sein Start-up Hotnest gegründet hat. „Chinesen bewegen sich in sozialen Netzwerken, verzichten zunehmend auf das Bezahlen mit Bargeld und haben das Smartphone zum Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens erklärt“, konstatiert der deutsche Unternehmer. „Das oberste Gebot hier lautet: Schnelligkeit um jeden Preis!“ 

Das Marktforschungsinstitut Kairos Future bestätigt diese Aussage: „Wenn Menschen im Westen ein Schiff konstruieren, dann planen sie das Boot vor dem Stapellauf sorgfältig bis ins letzte Detail. In China wird das Schiff so schnell wie möglich zu Wasser gelassen und mögliche Fehler erst dann behoben“, erklärt Andreas Reibring, Head of Research des schwedischen Unternehmens mit Sitz in Shanghai.

 Dabei ist die chinesische Geschwindigkeit nicht etwa ein digitales Phänomen. Immerhin hat das Land der Mitte es geschafft, sich binnen dreißig Jahren von einer landwirtschaftlich geprägten Nation über eine Industrienation hin zu einer Servicenation zu entwickeln. Das deutsche Unternehmen HRS, das sein Geschäft im inzwischen größten Markt für Business Travel bereits 2002 begonnen hat, hat immerhin 15 Jahre dieser Metamorphose hautnah und direkt vor Ort erlebt. Der chinesische Business Traveller sei viel jünger und damit oft digitalaffiner als bei uns, erzählen die HRS Mitarbeiter. Entsprechend gehe Geschwindigkeit hier Hand in Hand mit Convenience: „Die Chinesen legen großen Wert auf das ‚easy to use‘, also eine möglichst leichte Handhabung“, sagt eine Mitarbeiterin. Und da man diesbezüglich schon sehr verwöhnt sei, falle die Akzeptanz komplizierterer Bedienungen entsprechend sehr gering aus. 

Business geht durch den Magen

Dennoch, und dieser Hinweis kam für uns höchst überraschend: Einfach so ins Business stürzt man sich hier nicht. Wer in China gute Geschäftsbeziehungen knüpfen will, so erklärt uns das Team bei HRS, der müsse mit seinem Gegenüber mindestens einmal diniert haben. Das Motto: „Make friends first, business comes second.“

Erkenntnisse nach drei Tagen China

• Mobile first: PCs spielen in China praktisch keine Rolle mehr, mobil steht im Mittelpunkt.

• One-Stop-Shop ist das Buzzword schlechthin. Anders als bei uns, die wir das One-Stop-Shop-Prinzip immer nur in Bezug auf ein bestimmtes Segment denken – die komplette Reisebuchung etwa –, verstehen die Chinesen darunter viel mehr: Deren Anspruch an One-Stop-Shop ist es, dass eine einzige Anwendung sämtliche Belange ihres täglichen Lebens abdecken kann. Deswegen sind viele Anbieter in unterschiedlichen Branchen (Essenslieferdienst, Fahrradverleih, Hotelverkauf und so weiter) tätig – und das meist in einer einzigen Anwendung.

• Technologie: China ist mitnichten dabei, den Westen einzuholen. China hat uns längst schon überholt.

• Datenschutz: Dieser spielt eine weitaus wichtigere Rolle als vermutet. Kein Chinese würde seine persönlichen Daten in sozialen Netzwerken wie We Chat eingeben – man arbeitet mit Fantasienamen, gesichtslosen Bildern und Fake-Standorten.

• Schnelligkeit zählt! Ohne Speed geht es nicht, weil es immer einen geben wird, der deine Ideen kopieren wird.